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#1 – Anbauen

Die erste Ausgabe

Zuallererst: Vielen Dank an alle Beitragenden! Ohne euch wäre es nicht möglich gewesen!

2019 wird beim Burg Hülshoff – Center for Literature für acht Monate ein transdisziplinäres ­Labor erbaut, das die Frage bearbeitet, wie der Mensch den Planeten umbaut – und was nachhaltige Alternativen sein könnten. Es geht zum einen um das Bauen im konkret-materiellen Sinn sowie das Anpflanzen in Landwirtschaft und Garten; und zum anderen um gesellschaftliche Umbauprozesse Richtung Demokratisierung, Nachhaltigkeit und Digitalisierung.
WORD. knüpft an.
Steht der Planet vor dem Aus? Welche Wege sehen Literatur, Kunst und Wissenschaft? Ein Versuchsplatz, eine Beobachtung, eine Stellungnahme mit Schriftsteller*innen, anderen Künstler*innen und Expert*innen.

Interview mit Hamed Abboud

»Als jemand, der sich durch Sprache identifiziert, fühlte ich mich nur dann fremd und verloren, wenn ich mich sprachlich nicht ausdrücken konnte.«

Lennart Lofink: Lieber Hamed, du schreibst Mails mit mir auf Deutsch, aber deine Gedichte und auch dein Buch Der Tod backt einen Geburtstagskuchen hast du auf Arabisch geschrieben. Wirst du bald auf Deutsch schreiben?

Hamed Abboud: Während der letzten drei Jahre habe ich immer wieder gesagt, dass nicht so bald auf Deutsch schreiben würde. Es stellt eine große Herausforderung für mich dar, mich auf Deutsch auszudrücken, weil mein deutscher Wortschatz bei Weitem nicht an den arabischen heranreicht und meine Ausdrucksfähigkeit auf Deutsch deutlich eingeschränkt ist. Ich immer das Gefühl hatte, dass ich nicht dieselbe Freiheit und Vorstellungskraft in beiden Sprachen beim Schreiben empfinde. Hinter jedem großartigen ausländischen Autor, der auf Deutsch zu schreiben wagt, steht allerdings eine großartige Frau, die ihn bei seinem Vorhaben unterstützt und ermutigt. Und so arbeite ich seit ein paar Monaten an meinen ersten deutschen Texten.

Lennart: Gibt es im Deutschen ein Wort, das dir besonders gefällt? Und fehlen dir im Deutschen Wörter, die es im Arabischen gibt?

Hamed: Arabisch ist eine alte Sprache, die viele faszinierende Wörter enthält, die man heutzutage nicht mehr benutzt, vielleicht noch liest, aber nicht mehr spricht. Ich bin mir sicher, dass ich im Deutschen noch lange viele solcher faszinierenden Worte entdecken werde, da sich mein Wortschatz jeden Tag immer mehr erweitert. So staune ich täglich über neue Redewendungen, über die ich stolpere. Ich bin immer wieder überrascht, wie ein-zwei Worte im Arabischen mit einem ganzen Satz im Deutschen übersetzt werden. Alles scheint insgesamt viel länger zu sein.

Lennart: Du hast einmal geschrieben: Flüchtling sein bedeutet die Entfremdung in der Sprache; die Sprache nicht zu beherrschen. Oder dass dein Wortschatz der Sprache jenes Landes, in dem dein Weg endete, am Ende ist. Ging es dir so? Wie hast du es erlebt?

Hamed: Vielleicht erscheint dem Leser diese Beschreibung als Übertreibung oder Abstraktion, aber es ging mir in meiner Anfangszeit in Österreich genauso. Als jemand, der sich durch Sprache identifiziert, fühlte ich mich nur dann fremd und verloren, wenn ich mich sprachlich nicht ausdrücken konnte. Obwohl es schwarz auf weiß auf dem Papier stand, dass ich Flüchtling war, fühlte ich mich als Einheimischer solange ich das Gegenüber verstand und mit ihm eine Unterhaltung aufrechterhalten konnte.

Lennart: Du bist 2012 aus Syrien geflohen. Was ist dir passiert?

Hamed: Ich hatte Glück, rechtzeitig und unbeschadet aus Syrien zu flüchten.

Lennart: Dir werden wahrscheinlich immer die gleichen Fragen nach deiner Flucht gestellt. Ist es ermüdend? Gibt es Fragen, die du gerne einmal beantworten würdest?

Hamed: Ich bekomme oft dieselben Fragen gestellt, aber diese zu beantworten ermüdet mich nicht. Denn es ist mir ein Anliegen über die Situation in Syrien zu sprechen. Damit meine ich nicht die heutige Politik, sondern den Ausbruch der Revolution und was er für die Menschen bedeutete und welche Konsequenzen er nach sich zog. Es gibt schwierige und leichte Fragen. Eine Frage kommt immer vor: über das Ende des Krieges. Ich konnte sie bis jetzt nie beantworten. Ich wünschte, das würde sich ändern.

Lennart: Soweit ich weiß, hast du in Aleppo Telekommunikation und Ingenieurwesen studiert. Ist das noch etwas, was du dir als Arbeit vorstellen könntest?

Hamed: Mein Herz hing nie wirklich am Telekommunikationsstudium, sondern immer am Schreiben. Deshalb bin ich sehr dankbar und froh, dass ich meiner Leidenschaft nun beruflich nachgehen kann.

Lennart: Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Hamed: Da sie kein Deutsch lesen kann, werde ich die Geschichte verraten, obwohl ich es bis jetzt immer vermied, sie zu erzählen. Es war meine Cousine, die mir eines Tages, als ich in der Mittelschule war, ein Stück Papier und einen Stift gab. Ich sollte ihr aufgrund meines Schweigens schriftlich erklären, warum ich böse auf sie war. Trotz der Bildung meiner Eltern war ich als Kind leider nie direkt mit Literatur oder kulturellen Veranstaltungen in Berührung gekommen. Aber was ich auf dem Stück Papier schrieb, war mein erstes Gedicht. Ich geriet in Panik über das Resultat meines schriftlichen emotionalen Ausbruchs. Ich gebe zu, in Retrospektive war es nicht mein bestes Werk. Ich habe meiner Cousine niemals von dem Liebesgedicht an sie erzählt, denn damals nahm ich mein Gedicht und lief nach Hause. Durch dieses Ereignis entdeckte ich, dass ich schreiben konnte. Ich vergaß, warum ich böse auf sie war und konzentrierte mich auf das Gedichteschreiben. Es ist erstaunlich, wie uns manche Menschen im Leben beeinflussen, ohne dass sie jemals davon erfahren.

Lennart: Wie sieht aktuell dein Leben aus? Was sind deine nächsten Schritte?

Hamed: Wie schon erwähnt, befasse ich mich aktuell mit dem Verfassen von deutschen Texten, arbeite an neuen Projekten, unter anderem auch an Schreibworkshops mit Jugendlichen und experimentiere mit unterschiedlichen Schreibstilen.

Lennart: Ich danke dir für das Gespräch.

Hameds Antworten wurden lektoriert von Jelica Klaric

Schon immer im Internet

von Jörg Albrecht

Foto von Lennart Lofink

Eröffnungsrede der Droste Tage 2018: COME CROSS ME!

Ich stehe hier und soll sprechen, über Literatur in Zeiten des Digitalen sprechen. – Und ist es nicht paradox, vor einem Gebäude zu stehen, das seit mindestens zehn Jahrhunderten besteht und sehr präsent ist, und von einem Phänomen zu sprechen, das vielleicht dreißig Jahre alt ist und hier noch gar nicht angekommen: das Netz?

Aber manchmal, manchmal ist es einfacher über Dinge zu sprechen, die nicht da sind. So wie ich auch immer besser über Liebe sprechen kann, wenn sie gerade nicht stattfindet. Und manchmal sprechen wir über Dinge, die nicht da sind, ja, damit sie erscheinen.

Aber ich erzähle lieber eine Anekdote.

Neulich, im Photoshop:

Ich saß auf dem Kundenstuhl oder Klientenstuhl oder Konsumentenstuhl und wartete, zitterte. Wartete, daß der Schwamm oder der Stempel auf mich zukam und meine Augenringe wegretuschierte. Und ich spürte, wie er näherkam, wie der Schwamm oder Stempel kam und ansetzte, und daß es nicht die richtige Stelle war, doch da war es zu spät. Statt der Augenringe hatte das Werkzeug etwas anderes berührt, meine Lippen oder meine Zunge oder Stimmbänder. Und schon waren meine Worte aufgehellt oder anradiert, und ich schrie und wachte auf und wachte und dachte noch ein oder zwei Tage, daß bestimmte Wörter, wenn ich sie aussprach, heller klangen oder aufpoliert. Manche Wörter und Sätze kamen mir unvollständig vor – und andere, obwohl doch etwas wegretuschiert worden war, zum ersten Mal überhaupt vollständig. Zum Beispiel diese drei Worte, die ich nie zu jemandem sagen würde.

Auf einmal waren sie vollständig da.

Tja.

Sie sehen: Mit Verhedderungen und Irrtümern kann ich nicht umgehen. Grundsätzlich nicht. Und warum denn nun ich, ausgerechnet ich hier auf dieser Wasserburg gelandet bin, weiß ich nicht. Ist das Verhedderung oder Irrtum oder was? ich als Internet-süchtiger, Basecap-abhängiger Liebes-Junkie.

Oh mein Gott, gleich drei Süchte auf einmal?

Reden wir lieber über das Ganze. Über die Welt da draußen, diese World Wide World.

Ja, die Welt schrumpft zusammen, mehr und mehr. Manche Menschen haben, obwohl sie Tausende Kilometer voneinander entfernt sind, auf einmal miteinander zu tun, Tag für Tag.

Manche Menschen haben nichts miteinander zu tun, obwohl sie Tür an Tür wohnen, die Ferne zwischen ihnen wächst.

Das große Ganze.

Das kleine Ganze.

Wo ist die Grenze?

Wie können wir diese Welt beschreiben, die für die einen weltweit ist und für die anderen am Gartenzaun endet – und für noch andere am Anfang der Wüste, die sich ständig ausbreitet, oder jenseits von ihr, am Mittelmeer? Und wie können wir die Wanderungen der einen, der anderen und der noch anderen fassen? Hilft uns das Netz? Oder macht es alles komplizierter? Ist durch das Netz eine zweite Welt hinzugekommen? Oder hat sich die bestehende nur verändert? Und sind wir, wenn wir das Smartphone in der Hand haben, in einer Zwischenwelt?

Mohsin Hamid trifft es genau, wenn er in seinem Roman Exit West schreibt:

»Die Geräte verfügten über winzige integrierte Antennen, und diese Antennen kundschafteten wie durch Magie eine unsichtbare Welt aus, eine Welt, die überall um sie herum war und zugleich nirgendwo, und versetzten sie an ferne und nahe Orte, und an Orte, die es nie gegeben hatte und es nie geben würde.«

Wie überhaupt über Orte sprechen? Wie kann Literatur das, in Zeiten, die sich selbst digitalisieren? Muß sie scheitern, weil es das Netz gibt, das die Orte vollkommen verändert? Gibt es keine Geschichten mehr zu erzählen, oder nur keine neuen? Und wie das Netz mit unseren Geschichten stillen, die ja keine fünf Minuten halten? Das Internet ist so durstig, und wir? Haben nur Worte. Kenneth Goldsmith, der übrigens hier statt meiner mal stehen wollte und über digitale Literatur reden sollte, schreibt:

»Das Internet fordert Leser nicht wegen der Art des Geschriebenen heraus […], sondern aufgrund seiner schieren Ausmaße.«

Und:

»Weil Worte heutzutage billig sind und in unendlicher Menge produziert werden, haben sie den Status von Schutt, besagen wenig und bedeuten noch weniger.«

Ich repetiere hier, was Goldsmith schrieb, und vor wenigen Jahren hätte ich es genau so unterschrieben und gesagt: Ja, richtig, Worte sind nur noch Schutt, also laßt uns aufräumen und was neues darauf aufbauen.

Doch was ist passiert? Was hat sich begeben, daß ich die Worte nicht mehr nur als Schutt sehen will? Let me give it a try:

Es war einmal das Netz. Und das Netz war angetreten als utopischer Raum, als Sphäre, in der jede* sein konnte, was sie wollte. Menschen hießen Yippie Hippie, Wuchtbrumme_in_Ausbildung oder Onlineskater92 und probierten sich, nein probierten nicht nur sich, probierten andere Identitäten aus und probierten, wie das Sprechen mit Menschen, die ganz anders oder woanders waren, klingen konnte.

Und so ging es weiter. Und ging weiter. Und es ging immer, immer so weiter.

Nein.

Denn eines Tages kam die Kommerzialisierung, die Kommerzuckerbergialisierung, und die nagelte alle wieder auf das fest, was sie waren, alle hießen auf einmal nur noch, wie sie real hießen, so daß ihre Identitäten versteinerten – zusammen mit ihren Namen.

Und damit war das Trojanische Pferd drinnen. Und in der Nacht, der tiefen Nacht des Dark Web, klappte das Pferd auf, und heraus kamen jene Stimmen – in einem unendlich scheinenden Ausmaß –, die ihre eigene versteinerte Identität durch andere bedroht sahen. Und sie schlugen los, um diese Versteinerung zu verteidigen. Und nun ist das Netz Ort des Hasses.

Doch das alte Netz mit seinen Utopien, dieses Netz der späten 90er, wo ist das?

Ich kann dich einfach nicht vergessen, nein.

Sein Kuß war so leidenschaftlich, daß er ein Brandmal auf meiner Wange hinterließ. Also:

Was sind Worte heute? Schutt? Symptome für die Unruhen, die uns bewegen? Ist der Haß nur Reaktion darauf, daß niemand die globale Erwärmung verstehen kann, die vielen Formen von Migration, die Wirtschaftskrisen oder die Wirtschaft als Krise, den Strukturwandel und den Wandel des Strukturwandels? Und werden die Worte nun tatsächlich von jenen bestimmt, die sie umdrehen, nur, um die Existenzberechtigung anderer anzuzweifeln?

Von jenen, die Dinge nicht nur sagen, weil sie denken, daß es so ist, sondern auch, damit es so ist?

Und: was dagegen tun?

Neulich, in der Diskriminierungspraxis: Ein Patient kam herein und wollte diskriminiert werden, er sei zwar männlich und weiß und heterosexuell und christlich und Mittelschicht, aber er habe auch ein Recht auf Diskriminierung, und die Ärztin so: No. Mais non. Njet. Doch der Patient bestand darauf. Und die Ärztin wollte anfangen, zu diskutieren, doch wußte nicht, wie. Die Argumente waren aus, keine nachbestellt, und – viel schlimmer – die Fähigkeit, überhaupt zu argumentieren, war nicht mehr nachgeordert worden seit dem Ende des Ostblocks, jener Zeit, die als Ende der Geschichte in die Geschichtsbücher einging – die größte Ente der Geschichte.

Und jetzt, wo Risse sich durch dieses Ende ziehen, denke ich: Gerade weil.

Gerade weil im Netz der Haß den Siegeszug durch die Sprache angetreten hat, ist es umso wichtiger, sie nicht aufzugeben. Beide nicht.

Die Sprache

und das Netz,

sie sind so viel mehr. Der Haß als Happening – das kann doch nicht alles sein, wozu dieser gigantische Raum fähig ist, der das Netz versprach, zu sein.

NEIN!

Also vielleicht ist es am Ende doch das Netz, das uns wiederum politisch alphabetisieren wird?

Müssen wir die Utopie, die es antrieb, vor zehn Jahren vielleicht noch, vor zwanzig ganz sicherlich, müssen wir die vom Netz lösen? –

Oder eben NICHT lösen, sondern nur auf andere Weise hineinbringen in eine Welt, die sich längst mit diesem Netz verbunden hat?

Was bedeutet es, wenn wir uns in realen Räumen wiederbegegnen, die aber nicht mehr nur real sind? Räume, die vom Netz gelernt haben, mehr zu sein, als sie sein sollen.

Ja, ob Sie es glauben oder nicht, auch diese Burg weiß längst, daß sie mehr sein kann als eine Burg. Und jetzt spielt sie halt. Sie ist mal das und mal das, und mal verwischt sie, weil es so schnell geht, und mal weil es zu langsam geht. Vielleicht geht es viel zu langsam, und die Burg kann sich einfach nicht entscheiden, ob sie nun den Burgherren will oder lieber die Bürger*innen, ob sie Festung sein will oder Forum, ob sie lieber urban wäre oder durch und durch rural.

Oder ob sie ein Zwischending bleiben möchte.

Es ist nur so schwer, dazwischen zu sein. Denn du bist dort und ich bin hier, ja, das zwischen uns nenne ich jetzt mal Abstand, und wenn ich mich aufmache, um diesen Abstand zu überwinden, und wenn ich es geschafft habe, wenn ich endlich dort bin, wo du bist, dann bist du schon hier.

Abstand, das sind wir.

»die gegenstände, die wir berühren, berühren uns zurück, an stellen, an denen wir taub für sie sind«,

schreibt Senthuran Varatharajah.

»die dinge, die wir sehen, sehen zurück, an stellen, an denen wir blind für sie sind.«

Ja. Und die Wörter, die wir in den Mund nehmen, sie fallen an Stellen, an denen wir sie nicht hören KÖNNEN. Sie fallen zurück auf uns.

Kann ich deshalb DIGITAL nicht sagen, ohne an BESSER zu denken?

Kann ich GLOBAL nicht sagen, ohne an GLOBAL WARMING zu denken? Oder an GLOBALES DORF?

Kann ich BURG nicht sagen, ohne an FESTUNG zu den­ken? Doch WENN das Netz dabei ist, eine Festung zu werden – und Europa auch –, und wenn die neuen Faschisten sich nicht nur im Netz sammeln, sondern auch auf Rittergütern, dann muß Burg Hülshoff mit ihrer Tradition das Gegenteil werden, muß sie radikal offen und voller warmer Worte sein. Worte, die mehr sind als Bilder, Worte, die meinetwegen auch das sind: Bilder. Bilder, die aber über Bildbeschreibungen hinausgehen. Beschreibungen wie die folgende:

Bild könnte enthalten: Dreihundert Personen in einem Boot.

Die geformte Sprache, sie zeigt Bilder als das, was sie im Netz immer sind: veränderbar. Also: Können wir die Utopie, die das Netz in den 90ern konstituierte, reaktivieren?

Na ßicherlich. Wenn ich will, bin ich immer noch Onlineskater92, kein Problem.

Daß du rausfindest, was du denkst und wer du bist, nicht, um darauf zu beharren, wer du bist, sondern, um damit zu spielen.

Und Literatur kann alles als möglich erscheinen lassen. Klar, sie kann Fiktionen bauen, die einfach Fiktionen sind. Und harmlos.

Sie kann aber Fiktionen auch auf Realität aufbauen und dabei unser Sensorium dafür schärfen, daß Realität fiktional ist – eben eine gelebte und realistische Fiktion. Und was genau läßt die einen Fiktionen zu handfesten Fakten gerinnen, die sogar Kriege verursachen, und die anderen im Taumel der Geschichte als unrealistisch untergehen?

Das Netz, in seiner hochfrequenten Geschwindigkeit, stellt uns tagtäglich zig Mal vor die Entscheidung, was nun fiktional ist an der Realität und was real an den Fiktionen.

Was ist an mir Fiktion? Bin ich Burgherr? Bestimmt nicht, aber jede* zweite Person* spricht mich jetzt so an, also vielleicht eher: Burgherr81 statt Onlineskater92.

Doch wenn das kommerzialisierte Netz uns verkauft, daß wir uns an unsere Identitäten klammern müssen, um uns zu verkaufen (und das heißt: einen eindeutigen Datenberg), wieso sollten wir dann das nicht zurückweisen und sagen: Ja-ha, aber das, was ihr von mir seht, ist nur die Spitze des Dateneisbergs.

Und wie kann ich zwischen mir und dem, was andere von mir begreifen, diesen Abstand halten?

Ich kann jemanden, der mir nah ist, doch nur ertragen, wenn es gerade noch so was gibt wie Abstand, gerade ein Nicht-Berühren, und erst dann kann das Nicht-Berühren was anderes sein als Nicht-Berühren,

kann auf einmal so was werden wie Berühren.

Auch die Sprache berührt uns nicht, auch sie hält Abstand. Die Sprache gehört niemandem. Also allen. Kann sie deshalb so viel? Sie kann Imperien begründen und untergehen lassen. Sie kann Paare zu Ehepaaren machen und Neugeborenen Namen geben und ein Geschlecht. Sie kann Krieg erklären und Frieden. Sie kann die Grundrechte in die Welt bringen, indem sie sagt: Diese Rechte gelten für alle. Oder: nicht für alle. Sie kann uns zur Weißglut treiben und Sicherungen durchbrennen lassen. Und sie kann in uns andere Gefühle auslösen, zum Beispiel, wenn ich dir sage, daß ich ohne dich nicht mehr leben kann. Und du glaubst es.

Und ich glaube es auch.

Und hier, an diesem Ort, können wir Sprache zelebrieren, weil wir sie gemeinsam und öffentlich anhören, ansehen, angehen, daran teilhaben, was sie ist und sein könnte. Sogar wenn es Ihnen gerade nicht so vorkommt, als wollten Sie an dieser Lesung teilhaben und denken:

Hört, hört, was ihm an Klugheit fehlt, macht er locker mit seiner Dummheit wett.

Gerade dann: Ist das Öffentliche zwischen uns nicht mehr zu leugnen. Und vielleicht können wir hier darüber nachdenken, was eine Poetik des Öffentlichen sein kann, eine Poetik des Public Space, des Publikums.

Denn jede Lesung ist doch ein öffentlicher Akt, jede Lesung öffnet einen Raum, in dem – auch mit kleinsten Gesten – diejenige, die da sitzt, steht, liest, schreit, schweigt, nicht mehr diejenige ist, die sie privat ist, sondern eben eine öffentliche, ganz andere Person, klar getrennt von sich.

Eine Person, die sich den Zuhörer*innen nicht nur mitteilen, sondern sich selbst mit ihnen teilen will.

Eine Person, die nur für diese Momente existiert, die absolut unauthentisch und DESHALB realistisch ist.

Und dann können wir streiten. Ja, COME CROSS ME! Laßt ihn uns leben, den Streit über die Dinge. Oder: den Streit der Dinge selber, den Streit der Themen, der Ideen. Und wenn wir die in den Ring schicken statt uns selbst, muß niemand von uns im Boxkampf der Identitäten die sein, die sie angeblich ist. Das ist doch das Schmerzhafteste und Erleichterndste, was wir von der Art und Weise lernen können, wie das Netz sich über unsere Städte und Dörfer und Burgen legt: Niemand kann alles sein. Doch alle können mehr sein als nur eins.

Zeig es mir.

Nein.

Zeigen wir es ihr.

Nein.

Zeigen wir mit ihr, mit der Sprache, die diffizil und einfach und verspielt und sanft und unendlich geduldig und ungeduldig zur selben Zeit sein kann, was eine World Wide World heute ist. Bilder sagen mehr als tausend Worte. Okay.

Und Worte sagen mehr als tausend Bilder.

Deshalb kann Literatur ja ALLES: Sie kann auf fünf Seiten dreitausend Figuren vorkommen lassen oder auf dreitausend Seiten fünf. Sie kann in jedem Satz eine neue Geschichte erzählen oder eine einzige Geschichte in jedem Satz neu zu fassen versuchen. Sie kann die Grammatik umdenken, in die Richtung, in die non-native speaker sie, ohne es zu wollen, lenken. Sie kann alle auftreten lassen, die es da draußen gibt, und auch die, die es nicht gibt, oder die wir gar nicht wahrnehmen können, obwohl sie da sind. Sie kann ausgreifen, weil sie dank der digitalen Transformation begreift, wie ausgreifend und ausladend die Welt ist.

Hör auf.

Und wie einladend sie sein könnte, wenn wir sie als eine welt sähen und nicht nur als Eine-Welt-Shop.

Hör auf.

Eine Welt zwischen allen Welten.

Hör jetzt sofort auf, sonst box ich dich. Mit meinen Augen.

HEJ!

Neulich, im Social Media Markt: Jemand, den ich mal geliebt hatte, stand vor mir, stand perfekt inszeniert vor mir, musterte mich einmal von oben nach unten, von links nach rechts und von außen nach innen, das aber auch ein Außen war, und er schüttelte den Kopf. Woher, sagte dieses Schütteln, soll denn all das, was du geben willst, kommen, woher?

Und ich schüttelte zurück, und die Gegenfrage fiel aus den Wipfeln meines eichhörnchenfarbenen Haars:

Hast du mich nie geliebt? Nur, als ich auf der Bühne stand und vorgab, jemand anderer zu sein?

Oh ja. Und jetzt darfst du weinen. Denn du wirst nicht schöner, wenn du deine Fassaden durch die Stiftung Denkmalschutz pimpen läßt. Du wirst auch nicht schöner, wenn du ein Festival nach dem anderen durch dich durchjagst. Und du wirst nicht schöner im Internet.

Gut. Liebe Burg, ich kann mich nicht ewig auf deinem guten Aussehen ausruhen. Also: Machen wir das hier zur Übung in Zwischensprachen, Zwischenwelten. Packen wir es an. Mit allem, was wir haben: Raum, Licht, Ton, Bild, Geruch, Geschmack, Tastsinn, Erinnern, Glaube, Hoffnung, Liebe, Worte.

Was? Aber das ist viel zu viel!

Und. Kann ich das? Kann ich denn etwas geben, das ich gar nicht hab?

(SONG: Pet Shop Boys: Se A Vida E)

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Die Geologie der Menschheit

von Paul J. Crutzen


In den letzten drei Jahrhunderten sind die Effekte des menschlichen Handelns auf die globale Umwelt eskaliert.

Das vollständige Essay gibt es im Magazin zu lesen!

Auszug aus »Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang«. Aus dem Englischen von Heinrich Geiselberger. Erschienen bei Suhrkamp, 2011

German Love Letter (zum Mond)

von Lisa Danulat

Einen Auszug des Drehbuchs gibt es im Magazin!

Poetik im Anthropozän

von Daniel Falb

Anthropozän ist der Name für das neue geologische Zeitalter, in dem sich die Erde heute befindet, weil die Spezies Homo sapiens auf ihr unwillkürlich zu einer neuen geologischen Macht geworden ist, die den Planeten wie ein riesiger Kometeneinschlag trifft und transformiert.

Den vollständigen Text gibt es im Heft zu lesen

Dieser Text ist ein vom Autor überarbeiteter Auszug aus Daniel Falb, Anthropozän. Dichtung in der Gegenwartsgeologie, Berlin: Verlagshaus Berlin 2015.

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Im Strom von Bildern und Tönen

Ein Kommentar von Claudia Fiedler zu

Wendy, Pferd, Tod, Mexiko

Langsam anschwellende Klänge, abgespielt von einem vielfach verkabelten Synthesizer und einem Notebook, drei einander zugewandte Tische. Die drei Künstler, die daran sitzen, sehen sich unverwandt an. Drumherum sind die Zuschauer positioniert. Schon der erste Eindruck macht klar: Im kleinen Salon im Haus Rüschhaus ist die Grenze zwischen Künstlern und Publikum aufgehoben.

Der Text, den Autorin Natascha Gangl liest, beschreibt einen Clash of Cultures: Die blonde, pferdebesessene Wendy – aus den Comics für heranwachsende Mädchen ein Begriff – wird von ihr auf eine albtraumhafte Reise nach Mexiko geschickt. Wendys Naivität prallt dort auf Brutalität und Andersartigkeit

Das Duo Rdeča Raketa liefert mit seinen Klangräumen, die sich zu kompletten Songs verdichten, einen bildhaften Soundtrack zu dieser Odyssee.

Maja Osojnik und Matija Schellander komponierten nach Gangls Text Wendy fährt nach Mexiko einen Klangcomic, der den Zuschauer förmlich mitreißt im Strom seiner Bilder und Töne. Die Textfragmente werden zu Bildern montiert, in denen man Bekanntes zu erkennen glaubt. Aber im Sog des Hörspiels wird der Zuhörer unwillkürlich weiter gerissen. Die Fremdartigkeit, der Wendy permanent ausgesetzt wird, springt so direkt auf das Publikum über. Einzelne Textpassagen und Zitate werden von den Künstlern wie im Mixer zerlegt und neu zusammengesetzt bis Bedeutungen sich umkehren und schließlich ganz auflösen.

Es geht um Lust und Tod, Vergänglichkeit und Gegenwart, Sinnliches und Übersinnliches und immer wieder Tod. Die Vielschichtigkeit der Texte und Zitate spiegelt sich auch im überbordenden Einsatz der klanglichen und visuellen Mittel wider: Die Künstler nutzen Spieluhren, Mini-Soundmaschinen, die Tierlaute und Dschungelgeräusche abspielen, rotierende Lichtelemente, dazu Tonspuren mexikanischer Volkslieder und Text-Samples.

Ein weiteres Highlight ist der geschichtsträchtige Aufführungsort: Das Rüschhaus ist keine zurückhaltende Bühne, sondern bildet einen Rahmen, der hier die Vergangenheit auf den Plan ruft, und funktioniert so als weiteres Stilelement im Klangcomic.

Am 15. November 2018 waren Natascha Gangl und Rdeča Raketa mit ihrem Klangcomic Wendy Pferd Tod Mexiko zu Gast beim Center for Literature.

Eine Frage

an Wilko Franz

Stadt oder Land?

Land. Immer mindestens etwas Land.

Als Landkind hat es mich zum Studium in die – für mich – Großstadt Münster verschlagen, doch nach zwanzig Jahren bin ich wohl mehr Stadtmensch geworden als ich zugeben mag. Trotzdem hat mich der Naturbezug stark geprägt. Für mich bleibt die Stadt die Illusion und das Land die Wirklichkeit.

Wobei man auch hier unterscheiden müsste zwischen Kulturlandschaft und Wildnis. Tatsächlich gibt es aber wohl keine Wildnis mehr in unseren Breitengraden. Man kann kaum verloren gehen. Was ich schade finde. So kann man sich nämlich auch kaum wiederfinden.

Für mich ist Erdung wichtig. Ein Gefühl dafür Dinge in Relation setzen zu können.

Die Beschaffenheit der Welt geht mir in der Stadt abhanden, so sehr ich die gesellschaftlichen Vorteile auch genießen kann.

Stadtplanerische Raub-Ameisenhaufen wachsen – unser Verständnis schrumpft.

Stadt oder Land?

Stadt. Aber nicht ohne Land.

Ohne Landbezug sind wir auch nur Legehennen. Ich brauche Freilauf und immer mindestens etwas Land.

Wilko Franz ist unter anderem Projektentwickler der RESET*Landpartie

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Reise um den Tag in 80 Welten

von Manuel Gogos

Foto von Harald Humberg

Wo der Sesshaf­te besitzt, läuft sein Leben Gefahr, im Eigentum auf der Stelle zu treten. Seine (liebe) Gewohnheit wird ihm zur zweiten Natur. Ohne es zu wissen, ­bewusstlos, ­bewohnt er seine Welt.

Das Gewohnheitstier

Wollen wir den Menschen studieren, beobachten wir seine Gesten, fragen wir nach seinen Gewohnheiten. Die Beziehung des Menschen zu seinen Gewohnheiten ist innig. Er ist ein Gewohnheitstier. Er hat sich auf den elementaren Bereich des Alltäglichen durch unendliche Wiederholung tief eingelassen. Er ist von seiner Umwelt durchwachsen und seine Umwelt durchwachsen von ihm. Gewohnheit als Effekt der Wiedererkennung ist ein vitales Vermögen. Sie zeugt von der Teilhabe an Mustern. Die Gewöhnung gibt den Zusammenhang, sie schafft aus den Gegenständen, die in der Umwelt lagern, einen Orientierungsraum. Sie schlägt sich nieder im Erfahrungshorizont. Einem Blinden gleich, der lernt in der vertrauten Umgebung ohne Stock zu gehen - und ohne Zögern; Sicherheit, Schnelligkeit, Klarheit: Das ist die Macht der Gewohnheit.

Die Verfallsform der Gewohnheit ist die Automatik – d.h. jene Selbstgerechtigkeit die aus der Engstirnigkeit resultiert zu meinen, Dinge könnten nur auf eine Weise betrachtet und erledigt werden. Wo der Sesshafte besitzt, läuft sein leben Gefahr, im Eigentum auf der Stelle zu treten. Seine (liebe) Gewohnheit wird ihm zur zweiten Natur, Ohne es zu wissen, bewusstlos, bewohnt er seine Welt.

Fantasmata des Neo-Biedermeiers

Das Biedermeier des 19. Jahrhunderts als Rückzug in die Häuslichkeit war eine Reaktion auf die Zerfallserscheinungen am Ende der Napoleonischen Ära. Als Folge des Untergangs einer Welt da draußen zog man sich auf sich selbst zurück, in die eigenen vier Wände, das Familienleben intensivierte sich, und die Musikensembles der Zeit verkleinerten sich, von der Sinfonie zur Kammermusik. Auch heute erschüttern Globalisierung, Kriege und Flüchtlingsmigrationen prästabile nationale Seelenlandschaften. Die durch ein Krisengefühl in Permanenz genährte Furcht vor der Geschwindigkeit des Lebens (wir werden überrannt), der Ohnmacht gegenüber globalen Dynamiken (wir werden überlaufen) und vor dem Verlust unserer Privatsphäre aufgrund der Digitalisierung der Welt (wir werden beobachtet) führt auch heute wieder zu einer Flucht ins Eingeweckte, -gelegte und -gemachte. Einer Weltflucht in die unerträgliche Leichtigkeit des in den eigenen Vier-Wänden-Seins. Zu-Hause-sein, als Da-sein, wo die Erdbeerstückchen im Marmeladenglas schweben.

Heute darf die Eichenschrankwand wieder ins Wohnzimmer einziehen. Als Trotzburg, Schranke und Beschränkung. Da sitzen die Einwohner nun mit ihren Gemächten in ihren Gemächern, in ihrer Wahn- und Wagenburg, und verschreiben sich, verschwören sich dem Eigenen. Die Welt da draußen steht in Flammen, und die Menschen spinnen sich ein in ihren Kokon.

Wenn den Alteingesessenen Unbekanntes begegnet, dann auf Kosten der Gemütlichkeit. Das nennen sie dann Hausfriedensbruch. Plötzlich wird Welt als Widerstand erlebt, als etwas, das gegen den Strich geht. Die im Vorderhaus fühlen ihre Kreise gestört von den Gotteshäusern im Hinterhof, und sie fühlen sich beobachtet von denen, die nun im Hinterhaus wohnen. Was sich von selbst verstanden hatte, was so schön eingespielt war, das harkt nun. Und jene werden Wind bekommen von unseren Sitten und Gebräuchen, unseren Eigenarten und Idiosynkrasien. Die Zugewanderten, die Landvermesser werden Zeugen, wann wir nach Hause kommen, ob Alkohol im Spiel war. Da ist es schon gut, wenn man sie für alles Unheilvolle und Unheimliche bei uns zu Hause verantwortlich machen kann. Aber es ist wie bei der berühmten Merkel-Raute, die die längste Zeit als fürsorgliche Umzäunung angesehen wurde. Und nun, da die Grenzen durchlässig gemacht, fragen sich die Einheimischen: Sind die Anderen vielleicht liebenswürdiger als wir selbst?

Die Befindlichkeiten in der Migration lassen sich als prekärer Zustand des Außergewöhnlichen beschreiben. Der Aufgebrochene sucht leidenschaftlich nach einer Verarbeitungsstruktur für die Signale der Welt. Wo es gar keine Gewohnheit gibt, wird das ganze Leben zur Prüfung, zum Ausnahmezustand.

Der Migrant wird heute wieder immer nur als Hilfsarbeiter taxiert, als ewiger Zauberlehrling des ersten, zweiten, dritten deutschen Wirtschaftswunders. Der Eingeborene aber bleibt der Zeremonienmeister in Deutschland, Österreich, der Schweiz, der Spezialist für Leitkultur, der die Wirklichkeit einrichtet. Der Neuzugang indes im Fadenkreuz der Integration kennt keinen Autopiloten, er schaltet von Hand. Er muss flexibel auf das unwegsame Gelände reagieren, die Schlaglöcher, das Minenfeld. Ausgesetzt den Blicken, ausgeliefert den Interessen. Das ist dem ewigen Einwanderer ein Hemmschuh: Wer bei jedem Schritt über die Bewegung der Extremitäten nachdenkt, geht nicht, – stolpert nur. Was spielt sich da ab auf Burg Hülshoff – als Inpetration der Festung Europa – auf der Grenze, die Vergangenheit (Herkünfte) in die Zukunft (Ankünfte) schmuggeln will? Ein Tanz, oder doch ein Spießrutenlauf, eine Amputation oder eine Entbindung?

Ist heimatliche Neo-Biedermeierei schlicht eine Konsequenz neuer Versessenheit aufs Sesshafte? Um sich unter gesteigerten Fliehkräften und Exzentrizität freiwillig selbst zu verhaften? Wie wären aktuelle Konservierungs-Tendenzen und eingefleischte Denkgewohnheiten – Pökelfleisch des Denkens in (kleinen) Dosen – wie wäre altneues Spießertum zu entwurmen und eingeschränkte Horizonte in der Besenkammer zu erweitern? Wie könnte er aussehen, der Tapetenwechsel in einer Welt der in Frage gestellten Muster?

Auf der Burg Hülshoff wird jetzt seit Neuestem mit dem Stimmhämmerchen an die heile Welt geklopft. Du betrittst den Raum. Ziehst deinen Mantel aus, schaust dich um: Ein Tisch, Stühle, Bücher. Dein Blick gleitet über die Tapeten. Du betrachtest die floralen Muster, beginnst darin zu lesen. Beginnst darin zu leben. Die befragst die Dinge, die den Raum bevölkern, die stummen Zeugen, die Gebrauchspuren tragen, aber sich noch weigern, dir ihre Geheimnisse zu verraten.

Das Murmeln der Dinge

Es ist wie im berühmten Ballett Der Nussknacker, das Tschaikowski auf der Grundlage einer Erzählung von E. T. A. Hoffmann komponierte. Niemand hat je bestritten, dass die Dinge da sind. Aber sie vegetieren an den Rändern, entgehen häufig der Aufmerksamkeit. Die Präsenz eines vorhandenen Objekts ist unbestreitbar, aber es ist stumm.

»Wie niedere Bedienstete«,

sagt der französische Soziologe Bruno Latour,

»leben die Dinge an den Rändern unserer Welt. Als hinge ein Fluch über ihnen, verbleiben die Dinge schlafend – wie die Dienerschaft eines verwunschenen Schlosses. Doch sobald Burgbewohner und Burgbesucher sie gemeinsam vom Bann erlöst, bloß ein Ding unter Dingen zu sein – und nicht das Ding an sich – beginnen sie sich zu regen, zu recken und zu murmeln. Sie beginnen, aus dem Nähkästchen zu plaudern – diese geschwätzigen Kleinodien!«

Umringt von Pferdebildern und dekorativen Kommoden und Sekretären, Nähtischchen und Schlittenbettchen flüstern Autor*innen und Inselforscher*innen, Wohn- und Gewohnheitsforscher*innen ihrem Publikum etwas vom Zeitgeist des Neo-Biedermeier zu. Als würden nicht auch sie das mögen: Landlust und Geborgenheit. Und ist nicht auch die schreibende Zunft beheimatet im stillen Kämmerlein? Sind nicht auch Interior Designer ganz auf Innereien, aufs Eingemachte erpicht?

Ausweg aus der Ausweglosigkeit

1794 machte der französische Autor Xavier de Maistre mit seinem Buch Reise um mein Zimmer als erster die Dielenritze zum Breitengrad. Wie Längen- und Breitengrade durchlaufen die Dielen da das Zimmer. Der Morgenrock wird dem Zimmerreisenden zum magischen Reisegewand.

Geistiges Lustwandeln im Innern des eigenen Interieurs – so schreitest auch du im Zimmer umher. Gehst von Entdeckung zu Entdeckung,

wie es bei de Maistre heißt.

Auch hinter jedem Biedermeierschrank der Burg Hülshoff, hinter jedem auf Konsolen ruhenden Empire-Spiegel kann sich plötzlich der Sternenhimmel auftun. Können Bilder oder Bücher wispern. Wie Meeresrauschen, oder Dschungelstimmen. Oder ist es einfach das Murmeln der Dinge um dich herum? Dein Blick schweift durch den Raum, fliegt auf wie aufgepeitscht, wie aufgescheucht, als wär es ein Vogel, der durch ein geschlossenes Fenster will. Und plötzlich ist es auch dir, als öffnete sich das Fenster, als wärst du im Freien, als erhöbe sich von irgendwo ein warmer, tropischer Wind.

Auch Annette von Droste-Hülshoff selbst ließ von ihrem Zimmer aus ihre großen Ideen segeln. In typisch weiblicher Handarbeit hat sich das Burgfräulein wenig ambitioniert gezeigt. Lieber hat sie geschrieben: mit Tinte, Licht, Bewegung. Die Psaligraphie ist das Kunsthandwerk des Scherenschnitts. In China erfunden, und auch im Deutschland der Goethezeit beliebt. Neben ihren Oden hat die Droste so auch Kleinodien gefertigt: Filigrane Ausschneidearbeiten aus Papier, hergestellt in einer Faltschnitttech­nik, bei der ein Blatt mikroskopisch klein gefaltet wird. Ihre starke Kurzsichtigkeit hat Annette besonders auf den Nahbereich der Dinge verwiesen. So drehte sie das Fernrohr gewissermaßen um. – Und plötzlich zeigte sich ihr, was bekannt erschien, in einem neuen, geheimnisvollen Licht …

Wir gehen heut auf Löwenjagd

Die Indische Landschaft gehört zu den Papierarbeiten dieser Art. Im Biedermeiersaal erscheint dies Bild einer ausgefalteten Landschaft als Ding unter Dingen. Ein vielschichtiges Objekt. Ein Artefakt, vielfach gefaltet wie ein japanischer Seidenkimono. Schwenkst Du den Blick von außen hinein, da fasst ein Rahmen dieses Ding ganz ein. Mit einer Ornamentik, filigran wie Blattgold aufgetragen, – das könnte schon das Thema sein. Richtung Bildmitte zeigt sich das Bild-Ding von einem Palmenbaum beherrscht, dessen Palmwedel hundertfach, ja tausendfach eingeschnitten sind und sich zum Betrachter hin krümmen. Wie Wimpern. Oder Tausendfüßler, die ihre Schatten werfen auf beigen Grund. Als würde Wind in ihre Spinnenbeinchen fahren! Unter der Palmkrone, in zentraler Position, ein Mann, hoch aufgereckt, fast wie zu Pferde. Mit einem Säbel, den er in Rage über seinem Turban schwingt. Geht der heut auf Löwenjagd? Doch nein, das scheint ein Überlebenskampf Mann gegen Mann! Denn einer unterliegt, mit dem Charakterkopf eines griechischen Gottes, und dem Körperpanzer des römischen Soldaten. Will er den denn nun vor laufender Kamera enthaupten? Und dann wieder ein wohlgemuter Elefant auf seinem Dschungeltrampelpfad, ein indischer, mit kleinen, spitzen Ohren. Und dann noch: Ein Vogel Strauß, oder ein Strauß von Vögeln? Ferner Gekrös aus Flora und Fauna, Blätterwerk und Klapperschlange. Und dann, ganz eigenartig, ein Gartenpförtchen, ein Jägerzaun!

Pisang mit den breiten Blättern, China-Rose, blutig roth, Winden, die um Palmen klettern, Kaktus, der mit Pfeilen droht; Könnt ihr euch um mich vereinen. Dann bin ich in Indiens Hainen! Hat ein Zauber mich gebannt In des Morgens Fabelland? – Doch nicht lang soll Täuschung währen, Regen lässt auf Glas sich hören, Scharfer Wind fällt schneidend ein: Ein Gewächshaus war mein Hain.

In Entzauberung von 1834/35 spielt Annette von Droste-Hülshoff mit der Phantasie, sich in ferne Welten zu träumen. Doch folgt alles Reisen nicht dem einen Ziel, der Sehnsucht nach dem Paradies?

»Die Hässlichkeit des Fremden stellt die Hübschheit und Schönheit der Heimat in Frage«,

schreibt der Medientheoretiker und Exilant Vilém Flusser. Aber die Nomaden sagen:

»Das Haus ist das Grab der Lebenden.«

Wer sagt denn, daß das Allgäu nicht unmittelbar an den Himalaya grenzt? Können wir uns nicht zu Hause selbst erfahren? Wo Fernweh doch auch Heimweh ist … ?

Am Ende ist es wie in dem Buch Wo die Wilden Kerle wohnen des us-amerikanischen Zeichners Maurice Sendak: Sei häuslich, aber lass Bäume dir im Zimmer wachsen. Halt die Füsse still, aber lass die Gedanken schweifen auf zur großen Fahrt. Nutze diesen Tag, denn er ist das Leben, das Leben allen Lebens. So Reise du um den Tag in 80 Welten.

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Nicht nur Annettes Vision

von Jochen Grywatsch

Foto von Harald Humberg

Jochen Grywatsch ist Leiter der Droste-Forschungsstelle bei der LWL-­Literaturkommission für Westfalen, sowie Initiator diverser Ausstellungs- und Vermittlungsprojekte zu Annette von Droste-Hülshoff. Jochen Grywatsch gibt Einblicke in seine Zukunftsversion der Droste-Forschung, eines Lyrikwegs und des Droste-­Museums.

Zweifellos: Auch ohne die Autorin Annette von Droste-Hülshoff und ihre Texte hätten Burg Hülshoff und Haus Rüschhaus eine ganze Menge zu bieten – malerische Wasserburg und idyllische Sommerresidenz, stattlicher Adelssitz und architektonisches Kleinod, Landschaftspark und Barockgarten. Außerordentlich und unvergleichlich aber werden die beiden Orte erst durch ihre berühmteste Bewohnerin Annette von Droste-Hülshoff, die auf der Wasserburg geboren wurde und dort annähernd dreißig Jahre ihres Lebens verbrachte, bevor sie für gut zwanzig Jahre im nur fünf Kilometer entfernten Haus Rüschhaus ihren Poetensitz einrichten konnte. Als Wohn- und Schreiborte der berühmtesten und anerkanntesten deutschen Dichterin des 19. Jahrhunderts erst sind die beiden Baudenkmäler etwas so Besonderes, dass sich an sie das zukunftsweisende Konzept für einen herausragenden Kultur- und Literaturort knüpfen lässt. Annette von Droste-Hülshoff und ihre einzigartige Dichtung machen die unverbrüchliche Säule aus, auf die sich jedes an die Orte Burg Hülshoff und Haus Rüschhaus gebundene Projekt gründet.

In der etwa sechsjährigen Entwicklungsphase des Hülshoff- Projekts geriet diese Gewissheit nie aus dem Blick, ein Garant für die erfolgreiche Qualifizierung des Vorhabens. Nur mit der starken Basis Annette von Droste-Hülshoff war es möglich, den schwierigen Weg erfolgreich zu gehen und viele Beteiligte von dem Projekt zu überzeugen. Und so steht grundsätzlich jede zukünftige Entwicklung in Hülshoff in Beziehung zu der richtunggebenden Ankerfigur und literarischen Ikone. Ihr weitsichtiges Werk liefert vielfältige ­Anknüpfungspotentiale, die es für die inhaltliche Arbeit fruchtbar zu machen gilt.

Nachdem 2018 der künstlerische Bereich als Center for Literature starke Impulse erhalten und Burg Hülshoff nächste Schritte auf dem Weg zu einem vielgestaltigen, innovativen und experimentellen Veranstaltungsort gemacht hat, steht in Zukunft – neben der kontinuierlichen Entwicklung des künstlerischen und Veranstaltungsbereichs – der weitere, modular geplante Ausbau verschiedener Teilbereiche an, aus denen sich das Gesamtprojekt zusammensetzt. Drei davon sollen hier näher beleuchtet werden. Im Fokus dabei in besonderer Weise und in unterschiedlicher Perspektive: Annette von Droste-Hülshoff und ihre Literatur.

Droste-Forschung

Einen grundlegenden Bestandteil des Gesamtausbauprojekts macht die institutionelle Droste-Forschung aus, die auf Burg Hülshoff fest etabliert werden soll. Dazu wird die Droste-Forschungsstelle, die seit 1999 bei der lwl-Literaturkommission für Westfalen beheimatet ist, mit ihrer einzigartigen Droste-Spezialbibliothek und ihrem Handschriften-Kopienarchiv sowie weiteren Beständen wie Forscher­nachlässe und Umkreismaterial nach Hülshoff übersiedeln. Für die Droste-Stiftung und Burg Hülshoff ist es ein Glücksfall, dass die lwl-Literaturkommission und die Droste-Gesellschaft als Miteigentümerin bereit sind, die wertvolle Sammlung nach Hülshoff zu geben. Und wenn die Leitung der Droste-Forschungsstelle in Zukunft die wissenschaftliche Leitung auf Burg Hülshoff übernimmt, entsteht in der Kooperation mit der etablierten Literaturinstitution ein weiterer beträchtlicher Gewinn. Seit der Stiftungsgründung ist die Unterstützungsleistung durch die lwl-Literaturkommission mit ihrer Droste-Fachexpertise längst vielfach erprobte Praxis. Die feste institutionelle Etablierung der Droste-Forschung auf Burg Hülshoff und die Verbindung mit der lwl-Literaturkommission garantieren weitere wertvolle ­Synergieeffekte.

Es geht aber um mehr als die Beantwortung von Fragen und die Bereitstellung von Details zum Leben und Schreiben der Annette von Droste-Hülshoff, wenngleich dieser Service zu den wie selbstverständlich erwarteten Angeboten der Stiftung gehören. An dem Ort, der die größte Literatur- und Materialsammlung zu der Autorin bereithält, ihrem Geburtsort zudem, ist die Fachexpertise schlichtweg unverzichtbarer Bestandteil. Die Aktivitäten der Droste-Forschung auf Hülshoff umfassen im Weiteren die Durchführung von Fachtagungen und Workshops, Vortrags- und Diskussionsreihen, bei denen virulente Themen der Gegenwart immer im Fokus stehen. Die Etablierung einer Droste-Lecture-Reihe kann für starken wissenschaftlich-künstlerischen Input sorgen und Annette von Droste-Hülshoff weiter in den Kontexten der aktuellen ästhetisch-politischen Diskurse verorten. In die Zuständigkeit der Droste-Forschung fällt auch die wissenschaftliche Betreuung des musealen Ausbaus der Burg, ebenso die Mitarbeit an der Konzeptentwicklung und Umsetzung des Lyrikweg-Projekts und die Konzeption von eigener temporärer Ausstellungen.

Die Forschungsstelle, ausgebaut zu einem Droste-Institut mit wissenschaftlichen Stipendien, Fellowships, Forschungs- und Vermittlungsprojekten, wird ihre Position im internationalen Diskurs stärken und darüber hinaus Wesentliches für die Weiterentwicklung von Burg Hülshoff leisten. Ihre Fachexpertise, die wissenschaftliche Substanz und Nachhaltigkeit garantiert, ist insbesondere für die in der Literatur verankerten Entwicklungsbereiche des Gesamtprojekts, den Lyrikweg Droste-Landschaft und das neue Droste-Literaturmuseum von großer Bedeutung.

Lyrikweg »Droste-Landschaft«

Die Droste-Stiftung ist in der glücklichen Lage, mit Haus Rüschhaus und Burg Hülshoff beide westfälischen Droste-Orte betreuen und weiterentwickeln zu dürfen. Den Weg zwischen den nur fünf Kilometer voneinander entfernt liegenden Anwesen hat Annette von Droste zu Lebzeiten häufig zu Fuß zurückgelegt. Die fußläufige Entfernung der beiden Wohnorte und die besondere Bedeutung des dazwischenliegenden Landschaftsraumes und seine Prägung für die Autorin legen es nahe, die Wegeverbindung neu zu beleben. Es entstand die Idee einer interaktiven Droste-Landschaft, die das Areal zwischen Burg Hülshoff und Haus Rüschhaus auf unterschiedlichen Ebenen und mit vielfältigen Erlebnis-, Ausstellungs- und Informationsangeboten erschließt. Seinen inhaltlichen Ausgangspunkt nimmt das geplante Outdoor-Museum im Leben und Werk der Autorin, das in charakteristischen Facetten zugänglich gemacht wird. Es geht aber nicht allein um eine Fokussierung auf Droste und ihre Literatur; in den Blickpunkt rücken ebenso die Themenbereiche Kultur(geschichte) und Natur(veränderung). Zum Konzept gehört weiter, immer wieder Übertragungen in die Gegenwart vorzunehmen und so im Kontext der thematischen Grundlinien Literatur, Lebenswelt und Landschaft neue Perspektiven zu öffnen.

Die Grundidee der Droste-Landschaft ist es, verschiedene Anhalts-Punkte zu etablieren, ausgewählte Orte in dem Areal, die durch historische Besonderheiten hervorstechen oder landschaftlich von besonderem Reiz sind. Insgesamt 34 markante Stellen sind ausgemacht: Etwa die Hälfte davon sollen als gebaute Stationen in der Landschaft entstehen; die weiteren werden virtuell erschlossen und einbezogen. Die Anhalts-Punkte verbinden sich zu drei Themenrouten. Die Droste-Literaturroute umfasst Stationen, an denen literarische Texte der Annette von Droste, die Bezüge zu Natur, Landschaft oder der nachbarschaftlichen Umgebung aufweisen, in unterschiedlichen medialen Angeboten zugänglich gemacht werden. Die Kulturroute verbindet Stationen, die Einblicke in die historische Kulturlandschaft des Münsterlandes bieten und dabei lebendige Bilder von der Alltagswelt im frühen 19. Jahrhundert und des adeligen und bäuerlichen Landlebens entstehen lassen.

Die Naturroute schließlich thematisiert Charakteristika und Besonderheiten der Flora und Fauna, ebenso Aspekte der Landschaftsveränderung und der Ökologie. Den Ankerpunkt für die inhaltliche und architektonische Gestaltung der Stationen liefert das Motiv des Blicks: Mit Ausblicken und Einblicken soll das Interesse der Besucher auf verschiedenen Ebenen angesprochen werden. Landschaft und Kulturgeschichte, Natur und Literatur werden zum einen als weite, panoramatische Ausblicke, zum anderen als nahe, detailreiche Einblicke inszeniert. Die Wahrnehmung von bereits Vorhandenem, aber Verborgenem und leicht Übersehenem wird neu belebt, gleichzeitig werden neue Blick- und Perzeptionsangebote geschaffen.

Die Droste-Landschaft wird, ausgebaut im hier skizzierten Rahmen, zahlreiche Besucher mit ganz unterschiedlichen Interessen anlocken, denen ein einzigartiges, hochinnovatives Angebot einer interaktiven Landschafts-, Literatur- und Naturausstellung im Außenbereich zur Verfügung stehen wird. Mit der Schaffung einer thematisch ausgebauten Wegeverbindung zwischen Burg Hülshoff und Haus Rüschhaus wird zudem der Zusammenhang und die Verbindung beider Anwesen gestärkt.

Neues Droste-Literaturmuseum

Denkt man über die weitere kulturelle Nutzung der Wasserburg Hülshoff nach, ist es eine naheliegende Idee, sich das alte Herrenhaus als Standort einer neuen, modernen Droste-Literaturausstellung vorzustellen. Das umso mehr, als es bis heute an keinem anderen Ort eine zeitgemäße und ihrem Stellenwert angemessene museale Präsentation zu der Autorin gibt. Diese an ihrem Geburtsort Burg Hülshoff zu schaffen, ist ein wesentliches Entwicklungsziel des Gesamtprojekts.

Wie aber soll ein solches neues Literaturmuseum aussehen? Wie muss es konzipiert sein? Welche Inhalte sollte es vermitteln? Wie kann es gestaltet werden?

Das sind Fragen, die im Hintergrund schon seit Längerem erwogen werden. Dabei war eins von vorn herein klar: Das Leben der hoch begabten Adelstochter mit ihren nicht standesgemäßen literarischen Ambitionen, ihr vielgestaltiges poetisches und musikalisches Werk und dessen Wirkung anspruchsvoll, interessant und zeitgemäß auszustellen, erfordert eine wirklich innovative Konzeption – und das umso mehr, wenn die Anforderungen eines sinnlich-emotional ansprechenden musealen Erlebnisraums erfüllt werden sollen.

Am Anfang steht die angesichts des aktuellen Booms von Literaturausstellungen häufig gestellte schwierige Grundsatz- und notwendige Ausgangsfrage all solcher Projekte:

Kann man Literatur überhaupt ausstellen?

Denn das, was Literatur im emphatischen Sinne ist, ist zwar an die Anschauungsform der Buch- oder Manuskriptseite, an die graphische Ordnung der Buchstaben auf dem Papier gebunden, erschöpft sich aber keinesfalls in diesen materiellen Phänomenen. Im Gegenteil: Es ist der Leser, der dank seiner Vorstellungskraft und Phantasie die schwarzen Lettern auf weißem Grund mit Bedeutung füllt, der komplexe Handlungsabläufe im Gedächtnis behält und ihre Fortsetzung imaginiert, der Gestalt und Gesicht der Protagonisten vor seinem inneren Auge entstehen lässt.

Was muss also eine Literaturausstellung leisten, die sich nicht darauf beschränken möchte, Bücher, Manuskripte, Briefe, Notizen und Fotografien zu präsentieren, sondern im Medium einer sinnlich-visuellen Schau das Lektüreerlebnis selbst zum Thema machen will?

In diesem Kontext fällt unweigerlich das Stichwort ­Szenografie, womit die Kunst der Inszenierung von dreidimensionalen Räumen unter Einbindung der spezifischen Mittel von Architektur, Bühnenbild, Musik, Tanz, Film, Beleuchtung usw. bezeichnet ist. Dazu steht nicht im Widerspruch, dass Literaturausstellungen nach wie vor Orte der Besinnung, des Innehaltens, der Reflexion sein – und zu weiterer Lektüre anregen sollten. Das Nachdenken über Literatur und ihre Themen aber kann durch die gelungene Komposition einer musealen Inszenierung als Erlebnis- und Imaginationslandschaft wesentlich befördert werden – durchaus vergleichbar dazu, wie es eine gute Literaturverfilmung oder eine gelungene Theateraufführung vermögen.

Prädestiniert für die neue Präsentation ist das Obergeschoss des alten Herrenhauses der Burg, wo auch das ehemalige Jugendzimmer der Annette von Droste-Hülshoff mit einbezogen werden kann. Während das Familienmuseum im Hochparterre punktuell überarbeitet und angepasst wird, aber grundsätzlich bestehen bleibt, entstehen im Obergeschoss, sowie im Kellergewölbe – inszeniert als begehbare Kulissenlandschaften mit Interaktionsangeboten – thematische Erlebnisräume, die Gefühlseindrücke und individuell differenzierte Einblicke ermöglichen. In den szenografischen Kompositionen werden Aspekte von Stil, Charakter, Emotion, Aura und Attitüde betont, um so das Leben und Schreiben der Annette von Droste-Hülshoff sinnlich erfahrbar werden zu lassen. Die Dramaturgie der atmosphärischen Erlebniswelten führt die Besucher entlang eines roten Fadens durch die erzählten Geschichten. Die Regieanweisungen für die Inszenierungen kommen von Droste selbst – will sagen: aus ihren literarischen Texten.

Nimmt man zu den hier skizzierten Ausbaubereichen die weiteren musealen Komponenten des Gesamtprojekts hinzu – das schon lange öffentlich zugängliche Haus Rüschhaus als einzigartigen, authentisch erhaltenen Dichtersitz, dazu der Park von Burg Hülshoff, der als Literaturgarten u.a. mit einem literarischen Abenteuerspielplatz für Kinder und Jugendliche entwickelt werden soll –, so entsteht, zusammen mit dem vielgestaltig entwickelten Veranstaltungsbereich, ein vielschichtiges, facettenreiches und ganz unterschiedliche Zugänge ermöglichendes Kulturangebot, das geeignet ist, ein breites und sehr heterogenes Publikum anzusprechen.

Vor der Zunahme der Zeichen

von Hanna Harms

Eine Interpretation des Romans Vor der Zunahme der Zeichen von Senthuran Varatharajah

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The Salt Series

von Tom Hegen

Tom Hegens Fotografien zeigen die Einwirkung des Menschens auf seine Umwelt, auf diesen Planeten in seiner womöglich ursprünglichsten Art. Aus der Luft nahm Tom Salzseen auf. Ein Auszug seiner Bilder sind im Magazin zu sehen.

www.tomhegen.de

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Die Frage nach dem Leben, dem Universum und der passenden Formulierung

Ein Kommentar von Andrea Heming zu

Barbara Köhlers 42 Ansichten zu Warten auf den Fluss

Ha, 42, ein lustiger Zufall! Obwohl dieser Text damit absolut nichts zu tun haben kann, macht mir der Titel gleich gute Laune. Allerdings geht es nicht per Anhalter durch die Galaxis, sondern ins Ruhrgebiet. Von Barbara Köhler kannte ich ein hübsches Sonett aus dem Deutschbuch. Was mich hier erwartete, konnte ich mir nicht vorstellen. Zumal die Emscher, die hier Gegenstand der Betrachtung sein soll, mir persönlich zwar bekannt ist, aber emotional nicht nahe geht. Und Ruhrgebietsfan bin ich auch nicht. Politisch korrekter Weise finde ich die Renaturierung von Flüssen natürlich großartig. Aber ist das ein Thema für Literatur? Es wird noch nicht einmal eine Geschichte erzählt. Umso überraschender war für mich, dass Köhlers kurze Textsequenzen mich direkt gepackt haben. Erstaunlich die Vielfalt, mit der sie Begriffe von allen Seiten beleuchtet. Wobei ... eigentlich ist es mehr als Beleuchten, ein Kauen und Schmecken, ein Maß nehmen und kunstvoll verhäkeln. Spannende Variationen, zum Beispiel über Gastlichkeit, den Tod und die Natur. Selbstverständlich auch über das Warten als Tätigkeit, Zumutung und zerfließende Zeit. Ist das Warten nicht eigentlich etwas Gutes wie in freudiger Erwartung? Oft muss ich jetzt noch daran denken, wenn ich vor einer roten Ampel stehe.

Köhler überschreitet in ihren Texten nicht nur Wort-, sondern auch Sprachgrenzen. Englisch, Niederländisch, Französisch, alles wird mitgedacht und mitverwoben. Das deutsche hier wird mit dem französischen hier in Verbindung gesetzt, wo es gestern heißt. Diese und viele andere Beobachtungen machen mich wach für sprachliche Feinheiten – und für mehr. Europäische Einheit in der Vielfalt! Barbara Köhler hat eine große Portion Europa abbekommen und gibt diese an ihre Leser weiter. Die Inspiration durch den Ort, den Aufenthalt und die vielen Begegnungen mit den verschiedenen Menschen ist in ihr Werk deutlich spürbar eingeflossen. Ihre Inspiration steckt mich an, so dass ich nach der Lesung gar anfange, Gedichte zu schreiben. Das ist sonst nicht mein bevorzugtes Format.

Apropos Lesung. Danach will ich es nämlich noch unbedingt wissen und frage sie, ob sie Douglas Adams kennt. Sie grinst breit:

»Die 42 wollte ich unbedingt im Titel haben, eigentlich sind es ja 44 Ansichten.«

Am 26. August 2018 war Barbara Köhler im Rahmen der Droste Tage 2018 zu Gast beim Center for Literature.

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von Harald Humberg

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Urban Gardening

von Indra Jungblut

Foto von Mario Wezel

Aus vereinzelten Balkongärtnern und Laubenpiepern ist eine Bewegung geworden: in den Städten dieser Welt wird an allen möglichen und unmöglichen Orten gebuddelt, gepflanzt und geerntet. Auf Brachen, Dächern, Mauern und Grünstreifen werden Blumen gezüchtet und Möhren aus der Erde gezogen. Mit jedem Beet wird wieder ein Stück Natur in die Stadt geholt.

Die Gärten sind Orte, an denen gesunde Lebensmittel angebaut werden und Natur wieder erfahrbar gemacht wird. Und sie sind Experimentierfelder für Zukunftsthemen: wie können neue Wohlstandsmodelle aussehen und interkulturelle Begegnungen gefördert werden, was bedeutet Teilhabe und sinnvolle Beschäftigung in der Postwachstumsgesellschaft, wie kann Ernährung in der Zukunft aussehen?

Der Boom der Gärten im Stadtgebiet ist nicht mehr zu übersehen. Die Stiftung Interkultur z.B. betreibt interkulturelle Gärten, in denen Deutsche und Menschen von anderswo zusammen Zucchini säen und Erbsen ernten. 2003 waren es fünf Projekte, 2012 sind daraus mehr als 100 geworden - Tendenz weiter steigend.

Von New York City in die Welt

Die Idee von Gärten und landwirtschaftlich genutzten Flächen in Städten ist keine neue. Die Stadtbürger der Antike und des Mittelalters waren vielmehr Ackerbürger; eigene Gärten um die Häuser waren ein fester Bestandteil des Stadtbilds. Auch Klein- bzw. Schrebergärten an den Stadträndern und in Kleingartenkolonien gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert. Die urbanen Gartenbewegung, die seit Mitte der 90er Jahre stetig wächst, scheint ihre Wurzeln jedoch ganz woanders zu haben: in den New Yorker Gemeinschaftsgärten der Siebzigerjahren. Die Community Gardens waren – und sind - grüne Oasen auf innerstädtischen Brachen mit Blumenbeeten und Gemüseanbau zur Selbstversorgung. Neu an diesen Gärten war, dass sie gärtnerische, ernährungspolitische, ökonomische, soziale, künstlerische und stadtgestalterische Fragen miteinander verknüpften und gängigen (Lebens-)Modellen andere Praktiken entgegensetzen. Die Idee verbreitete sich rasch in ganz Nordamerika.

Aus diesen frühen Gemeinschaftsgärten haben sich verschiedenen Konzepte nicht-kommerzieller kollektiver Gartenprojekte entwickelt und weiter verbreitet: Interkulturelle Gärten, City Farms, Nachbarschaftsgärten, Kinderbauernhöfe, Schulgärten, Guerilla Gardening.

Die Grüne Revolution

Ein reicher Fundus gärtnerischer Praktiken und Ideengeber für die Zukunft der städtischen Landwirtschaft ist auch Kuba, wie z.B. für die Berliner Prinzessinnengärten. Mit dem Ostblock brach auch die Wirtschaft in Kuba zusammen und zwang das Land zu einer ökologischen Umstellung. Die staatlich unterstütze urbane Landwirtschaft sollte die Auswirkungen der Wirtschafts- und Ernährungskrise abmildern. Mit einfachsten Methoden und viel Einfallsreichtum wachsen dank der Revolución Verde heute mehr als zwei Drittel des in Havanna verzehrten Obst und Gemüses innerhalb der Stadtgrenzen.

Worum geht es eigentlich?

Bei den verschiedenen Modellen in Deutschland, Amerika und anderen europäischen Städten steht nicht eine tatsächliche Subsistenzwirtschaft im Vordergrund, sondern die Verschönerung und Bereicherung des Lebens in den Städten und die Herstellung neuer Gemeinschaften. Aktiv ist hier vor allem eine junge urbane Avantgarde, die mit neuen Modellen auf globale Herausforderungen und städtische Defizite rea­giert: Ernährungskrisen und Umweltprobleme, Isolation, Vereinzelung oder mangelnde Freiräume. Wichtig sind dabei Flexibilität und Improvisation. Wer in dichten Stadtgefügen Platz für Blumen und Pflanzen finden möchte, muss kreativ sein.

Manche Stadtgärtner, wie z. B. die Prinzessinnengärten oder Rosa Rose e.V., legen ihren Garten komplett mobil an und pflanzen ihr Gemüse in Blumenkübel, Säcke oder alte Badewannen, um jederzeit umziehen zu können. Recycling statt Hightech, Kreativität statt Professionalität, lautet das Motto.

Gemeinsames Lernen, die Vermittlung von Wissen und das Schaffen eines Bewusstseins sind weitere zentrale Apekte der Gärten. Neben der gemeinsamen Feldarbeit bieten viele Gärten auch ein kulturelles Programm und verschiedene Workshops an.

Schrumpfende Städte

Auch wenn weltweit die Anzahl der Stadtbewohner wächst und demnächst zwei Drittel aller Menschen in Städten leben werden, schrumpfen viele mittelgroße und kleine Städte. Mit dem Wechsel des Standortes von Firmen und Werkstätten und dem Verlust von Arbeitsplätzen zieht es viele Menschen in die großen Metropolen. Mit ihnen siedeln die Geschäfte und Unternehmen um. Viele Gebäude und Flächen werden nutzlos und verlassen. Doch der entstandene Freiraum birgt auch neue Möglichkeiten in sich.

Wie zum Beispiel in Detroit: Früher waren es die Fabriken, die den Menschen Hoffnung gaben, heute sind es die Gärten. Wo bis in die 90er Jahre Autos gebaut wurden, werden nun, nach der Schließung der Fabriken und dem Wegzug von rund einer Million Menschen, Möhren aus der Erde gezogen. Auf der Earthworks Urban Farm bauen auf 8000 Quadratmetern Freiwillige Obst und Gemüse in Bioqualität an. Ganze 1234 private und gemeinnützige Gärten gedeihen mittlerweile in Detroit – und es werden ständig mehr.

Auch die schrumpfende Stadt Dessau möchte ihre Bewohner durch einen innerstädtischen Grüngürtel halten, der Flächen für städtische Landwirtschaft sowie Gemeinschaftsgärten bereitstellt.

Landwirtschaftlich genutzte Flächen in schrumpfenden Städten bieten Beschäftigung und Nahrungsmittel, wo es das kaum mehr gibt. Dort, wo wieder Platz ist, können sich neue Stadtmodelle entwickeln, in denen die Grenzen zwischen Konsum und Produktion, Natur und Stadt fließender werden.

In den Städten des Südens

In Deutschland poppen sie neuerdings allerorts auf, in Havanna, Caracas oder Singapur existieren die städtischen Miniacker schon lange: inmitten der Favelas und Slums des Südens werden Obst, Gemüse und Kräuter angebaut. Die Gärten sind eine Überlebensstrategie in ­Gegenden großer Armut und sichern den Menschen Nahrung und ein wenig Einkommen. In Buenos Aires gibt es mehr als 2000 Gemeinschaftsgärten – Haus- und Familiengärten, Nachbarschaftsgärten und Arbeitsloseninitiativen. Auch in Townships in Südafrika sind kleine landwirtschaftlich genutzte Flächen weit verbreitet. Viele sind in Eigeninitiative entstanden, andere werden vom Staat, NGOs oder privaten Firmen betreut, wie z.B. das Itsoseng Womens Project in Orangefarm.

Seit einigen Jahren setzt auch die Welthungerhilfe (DWHH) auf städtische Äcker. Sie unterstützt diverse Projekte auf Kuba, aber auch in Liberia und Nordkorea. Nicht in allen Städten sind urbane Gärten so leicht umzusetzen wie in Kuba, so Jürgen Roth von der dwhh. In vielen Ländern ist der Druck auf städtische Brachflächen wegen des freien Immobilienmarktes viel größer. Doch viele Beispiele zeigen, dass sich selbst versorgende Armenviertel schon längst keine Utopie mehr sind. Die Gärten mildern die Not an Geld und Nahrungsmitteln, in ihnen kann kulturelles Wissen erhalten werden. Mit ihnen und um sie herum entstehen soziale Netzwerke, vielerorts erwecken die Gärten politische und soziale Utopien in oft ausweglosen Gegenden.

Zur Bedeutung der Stadtgärten

Die Gärten in den Städten tun Gutes - auf vielen Ebenen. Aus ökologischer Sicht dienen sie der Verwertung organischer Abfälle, sie reichern die Luft mit Feuchtigkeit an und fangen Regenwasser auf, das sonst ungenutzt in die Kanalisation fließen würde.

»Große, zusammenhängende, grüne Dachflächen können sogar das Stadtklima positiv beeinflussen und extreme Temperaturen ausgleichen«,

sagt Wigbert Riehl von der Fakultät für Architektur der Universität Kassel. Auch Insekten und andere Stadtbewohner haben etwas von den Gärten, da der Anbau von lokalen Nahrungsmitteln zum Erhalt von Sortenvielfalt und Biodiversität beiträgt. Aus gesellschafts-politischer Sicht beleben gemeinschaftlich genutzte Gärten den öffentlichen Raum und schaffen neue Orte der Begegnung und des Austauschs. Nachbarn lernen sich beim gemeinsamen Buddeln kennen, Menschen verschiedener Kulturkreise tauschen gärtnerisches Wissen und Erfahrungen aus. Im besten Falle wachsen mit den Blumen und Pflanzen die Gemeinschaften, neue Impulse für Kulturen der Teilhabe werden gegeben. Stadtteile gewinnen durch das zivilgesellschaftliche Engagement an Lebensqualität, indem sie mieinander in Verbindung treten und ihren Kietz verschönern. Nebenbei und auch gezielt entstehen praktische Lernorte für Kinder und Jugendliche. Die Bespielung bisher ungenutzter Flächen ist zudem eine aktive Auseinandersetzung und Einmischung in die Gestaltung der Stadt.

»Das Säen, ­Ernten­, Kochen und Weiterverarbeiten für­ den Win­ter sensibilisiert nicht nur für die Natur, sondern auch für einen Reality Check der Bedingungen, unter denen wir leben. Der Garten verortet uns in einem größeren Kontext als den der Konsumgesellschaft. Er verschafft Überblick.«
– Christa Müller

Nicht zuletzt sind städtische Gärten auch Mini-Modelle für die Städte der Zukunft, in denen Nahrungsmittelanbau und Stadtleben wieder stärker miteinander verwoben werden. Urbane Landwirtschaft schont Umwelt und Ressourcen, indem Transportwege für Nahrungsmittel eingespart werden und von Grünflächen aufgebrochenen Betonwüsten leisten einen Beitrag zur Verbesserung der Lebens- und Luftqualität. Für eine Zukunft der Gärten und lebenswerte Städte sollten beackerbare Flächen jedoch nicht übergangsweise vergeben oder erkämpft werden müssen, sondern fester Bestandteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung werden.

Der Artikel erschien bei Reset.org

Reset.org

Sprache wie Münze

von Nefeli Kavouras

Δεν  φταίνω

Sie haben Namen gegeben. Zeigten mit dem Finger und sagten Tanne, sagten πράσινο. Sie standen vor einem Haus und sagten mir σπίτι, machten die Tür auf, da roch es nach gebratenem Huhn, es war Sonntag. Mutter rauchte viel am Esstisch, blies σύννεφα in die Luft, lachte Griechisch am Telefon, wippte mit dem Körper vor und zurück. Ich stand auf der Diele, der einzigen, die nicht knarzte, hatte wenig zu sagen, am wenigsten auf ελληνικά. Meine Muttersprache war lose, taute nicht auf. Da gab es δρόμους, auf denen Menschen lebten, und es gab κεριά, die wir abends anzündeten – ich verstand, was sie mir sagten, ich antwortete auf Deutsch, war gern Deutsche.

Ich lernte: Griechisch sein bedeutet zu sagen: Δεν  φταίνω. Ich sollte lernen, keine Schuld zu haben, dabei die Hände hochhalten, wie es Mutter tat, und der Vater und der Bruder. Ich hatte es gern nachgeahmt. Δεν φταίνω.

Und dann Schuld lernen. Ich war sieben und wir sprachen in der Schule vom Krieg der Großeltern und der ­Urgroßeltern, die nicht meine waren. Aber das hatte keine Rolle gespielt. Da lag Schuld auf den Schulbänken, in den Geschichtsbüchern und in unseren Gesichtern.

Schuldbewusstsein. Telefonierte ich mit meinen Großeltern fiel es mir schwer, mich zu entschuldigen, für das Nichtsprechen, fiel es mir schwer zu sagen δεν φταίνω. Großmutter hatte lachend gefragt, ob ich auch etwas Anderes sagen könne, als όχι und ναί. Ich hatte keine Antwort. Keine Antwort, die das Wort Nichtsprechen hätte erklarbar machen können.

Ich hatte auch keine Antwort auf die Frage von Fremden, ob ich denn Griechin sei. Wegen des griechischen Namens, und den dunklen Haaren. Ich war Kind als meine Standardantwort zu

»Nein, meine Eltern sind Griechen, ich bin hier aufgewachsen, bin Deutsche«

geworden ist. Und es fühlte sich spät an, als ich lernte zu sagen:

»Είμαι Έλληνα, αλλά δεν μιλώ τόσο καλά Ελληνικά.«

Als Kind hatte ich ein simples Bild von Sprache. Wir sind am Strand gewesen, die Füße voller Schlamm, da fiel meinem Bruder ein Wort auf Griechisch nicht ein.

»Dreh die Buchstaben um«,

hatte ich gesagt. Hatte gedacht, eine andere Sprache hinge nur am Alphabet, Übersetzungen ließen sich von Buchstabe zu Buchstabe wie Münzen umdrehen. Meine Lieblingsmünze war die mit der Eule gewesen.

Was bin ich, wenn ich mich in keiner Sprache Zuhause fühle? Wenn ich die Sprache meiner Mutter nicht beherrsche und zugleich im Deutschen stolpere. Wenn meine Mutter mir im Streit sagt, ich sei so deutsch und ich gar nicht wirklich weiß, was sie damit meint. Wenn ich die dritte Deutscharbeit mit nach Hause nehme und noch immer ist jeder dritte Satz rot angestrichen, weil ich Dativ und Akkusativ vertausche. Wenn ich später in Beziehungen gefragt werde, wo denn mein griechisches Temperament sei, ich wirke so ungewohnt schüchtern. Und wo ist mein Mut, wenn meine Mutter vor mir mit dem Telefonhörer herumfuchtelt und ich erneut nicht mit meiner Großmutter, Tante, Onkel, Cousine reden möchte. Nicht auf Englisch, nicht in gebrochenem Griechisch. Ich denke mir: Ich habe den Moment verpasst, einer Sprache anzu­gehören. Ich denke: Sprache ist größer als ich, ich unterliege Sprache und nicht andersherum. Sprache ist nicht mein Ventil, ist nicht mein Gewehr, ist nicht mein Werkzeug. Sprache ist ein Wald, ein Hindernis und ich stolpere, ruhe mich letztlich auf Nichtsprechen aus.

42 Ansichten zu Warten auf den Fluss

von Barbara Köhler

Im Sommer 2016 zog Barbara Köhler für 2 Monate nach Castrop-Rauxel, als eine Art Schmuckeremit: in die bewohnbare Skulptur »Warten auf den Fluss« der Rotterdamer Künstlergruppe Observatorium, um dort auf die seit Jahren nicht mehr vorbeifließende Emscher zu warten. Aus ihrem Warten, Beobachten und Betrachten sind 43 Neunzeiler entstanden, ein Buch, das von Deindustrialisierung und ›Renaturierung‹ spricht, von der örtlichen Brache und einem toten Fluss, dessen Geschichte und Geschichten, von Realitäten und Utopien, von Landschaften und Technik, einer von Menschen immer wieder neu gemodelten Geografie. Gespräche mit anderen Besuchern und den Machern der Skulptur hinterließen fremdsprachige Spuren im Text, lassen ihn zu einer Bewegung zwischen Sprachen geraten, zwischen falschen Freunden und richtig hilfreichen Missverständnissen, zwischen kruder Beschreibung und poetischer Reflexion werden Grenzen fließend, dass Unerwartetes eintreten kann. 42 Ansichten zu Warten auf den Fluss ist ein leichtfüßig dichter Text über das Warten, das Fließen, die Zeit, den Tod – und natürlich auch über das Ruhrgebiet, über den möglichen, unmöglichen Umgang der Menschen mit Natur.

– Edition Korrespondenzen

Einen Auszug aus dem Buch gibt es im Magazin zu lesen.

Stunde Null

von Lennart Lofink

Ein Gedicht zu Amadeus Waldners Fotoserie Seestadt

die stunde null

status quo

eine baustelle der bevölkerung

effect and the cause

eine stille beobachtung

anbau

umbau

umwelt




Fast ein Senthuran

von Lennart Lofink

Lennart Lofink
10.01.2019
Ich glaube, erst jetzt beginne ich zu verstehen, wie die Dinge funktionieren, wie sich ganz zum Schluss das Blatt wenden kann. Es hängt nicht an denen, die wollen, aber nicht können, sondern an denen die könnten, aber es nicht tun.

Lennart Lofink
01.05.2018
Mellowdrama als großer weißer Schriftzug vorn auf seinem Sweatshirt, auf dem Kopf eine Basecap. Es ist ein Morgen. Es wird Mittag. Salat aus Gläsern und Sliwowitz. Gespräche über Burgen und Pläne, über Berlin und Havixbeck, über eine Chance, die sich bietet.

Lennart Lofink
15.05.2018
Vor der roten Biedermeiertapete sitzend, die Kamera auf ihn gerichtet. Die Ärmel hochgekrempelt, die Hände gefaltet. Come Cross Me!

Lennart Lofink
22.09.2018
Hinter dem Riesenkondom, vorbei an der Gräfte, in einem der bunten Zirkuszelte liest er von zwei Fremden. Zwei Leben, die sich ähneln, sich in Sprache und Weg berühren. Ein Text über Abschied und Ankunft, Erinnern und Vergessen.

Lennart Lofink
02.11.2018
Dieser Text passt, sage ich. Er passt in diese Zeit, in diese Gesellschaft, auf diese Seiten. Einverstanden, antwortet Senthuran.

Lennart Lofink
08.01.2019
Text und Illustrationen sind gesetzt. Am Ende fehlt es an Zeit. Zeit, von der ich nicht wusste, Zeit, die jemand braucht. Kein Recht an dem Text. Der Drucktermin naht. Die Entscheidung fällt: Fast ein Senthuran.

Eine Frage

an Joshua Neuhaus

Kann Holz die Welt retten?

Das ist eine schwierige Frage. Ein Beispiel: Teakholz ist im Bootsbau sehr beliebt. Es gibt kaum ein anderes Material, welches so widerstandsfähig und witterungsbeständig ist.

So gesehen eine sehr nachhaltige Lösung.

Andererseits ist die Aufforstung von Tropenhölzern zwar möglich, der durch die Rodung entstandene Schaden für Natur und Umwelt jedoch irreparabel. Hier gilt aber auch: Der Holzbau macht nur einen Bruchteil der Abholzungen des Regenwaldes aus.

Holz aus kontrollierter Forstwirtschaft muss wiederum ganz anders betrachtet werden. In diesem Fall ist Holz eines der wenigen Materialien, das wirklich nachhaltig ist. Von der Aufforstung über die ganzheitliche Verwendung des Baumes bis zur Verringerung der CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre. Wenn wir für ein Projekt Massivholz bestellen, bekommen wir den kompletten Stamm. Wir verwenden den qualitativ hochwertigsten Teil für unsere Möbel, einen Teil für kleinere Produkte und mit dem Rest heizen wir.

In diesem Fall würde ich sagen, dass Holz die Welt vielleicht nicht retten, aber eventuell weniger schnell vernichten kann (lacht).

Joshua Neuhaus arbeitet als Tischler und Produktdesigner

Eine Frage

an Hendrik Otremba

Was ist Schaum?

Schaum: Schaum ist eine Grenze zwischen Unter- und Überwasser, darunter ist es warm und still,

man hört sein Inneres, doch es gibt keine Luft, oberhalb des Schaums aber kann man atmen, ist auf eine andere Art nackt, man friert, wird gesehen.

Schaum ist flüchtig und verändert sich in der Form.

Schaum ist eine Grenze.

Schaum entsteht, wenn Leichen verwesen.

Schaum entsteht, wenn Wasser auf Sand trifft.

Schaum entsteht, wenn Kindern die Haare gewaschen werden.

Schaum hat der vor dem Mund, der sich in Rage redet.

Schaum ist eine Grenze.

Hendrik Otremba ist Autor des Romans Über uns der Schaum

Produktions-
bedingungen

von Antonie Partheil

This is not a product
This is a process

bis auf die bücher in der ecke ist mein schreibtisch leer. an der wand klebt ein post-it, auf dem steht:

this is not a product

this is a process

Eigentlich sollte Maria leiden. Eigentlich brach sie mit Bestnotenabitur in eine fremde Stadt auf, bezog die erste eigene Wohnung und schrieb sich an einer geisteswissenschaftlichen Universität ein. Mit einem klugen Kopf und dem Körper einer Elfe saß sie in säulengetragenen Hörsälen, die geschminkten Lippen fest verschlossen. Eigentlich schenkte man ihr keine besondere Beachtung. Eigentlich gehörten der rote Mund und die Porzellanwangen zu einem Schädel, der tausende gelesener Seiten erinnerte und Synapsen leuchten ließ, wüst und chaotisch. Eigentlich lauschte der Schädel auf fremde Stimmen, während im Brustkorb unter einem zierlichen Busen Wut aufstieg, die sich hinter zusammengepressten Schneidezähnen anstaute. Und eigentlich stand der elfengleiche Körper irgendwann auf und protestierte und danach rauchte er auf einer Bank im Innenhof der Universität eine Zigarette.

Erstmal saß Maria an ihrem Schreibtisch, einen Ellbogen aufgestützt, die Stirn in die Handfläche gelegt. Durch die vogelkotverdreckte Fensterscheibe fiel trübes Licht auf das helle Holz der Tischplatte, in die Wörter hineingeritzt wurden.

Die Lüftung des Laptops brummte, sie löste den Blick vom Bildschirm und legte die Handflächen auf die Augen. In ihrem Kopf ein Strudel von Bildern, Assoziationsketten, die zu keinem Punkt führten. Judith Butler fragte nach Gewalt in der Sprache und Maria wunderte sich, wie sie auf die Gewalt antworten könnte. Und dann dachte sie an den vollen Seminarraum, an die gereihten Fremdwörter, die sie im Lexikon der Philosophie nachschlug, schaute wieder auf das geöffnete PDF, scrollte die dicht bedruckten Seiten bis zum Ende, dachte an die säulengetragenen Hallen und aufeinander gepressten Lippen. Sie schloss das Dokument.

Eigentlich hätte ich Maria gern an diesem Schreibtisch gelassen, hätte es ihr gegönnt, nach dem Schließen des Dokuments ins Bett zu gehen und sich durch die Vorschläge auf Netflix zu klicken. Währenddessen säße ich an meinem Rückzugsort, am eigenen Schreibtisch, und breitete die Werke meiner Vorbilder um mich aus. Da hockte ich inmitten von losen Blättern und bunten Büchern, mit sich zu Fiktion wandelnden Fakten, eine Tasse erkaltenden Kaffee umklammernd und arbeitete hochkonzentriert. Aber ich bin rastlos, kritzele eine Notiz auf einen Post-it und lade dann Maria zu mir ein.

Viel lässt sich noch nicht über Maria sagen. Sommersprossen besprenkeln eine weiße, sonnenempfindliche Haut und Kontaktlinsen korrigieren die schlechten Augen. Wegen ihrer zierlichen Statur hielt sie sich eine zeitlang für durchsichtig. Kurz nach dem Bestnotenabitur fing das an, als sie in eine neue Stadt zog. Dort nahm sie das kleinste Zimmer, das sie bei wg-gesucht finden konnte. 10qm unterm Dach, im Sommer heiß, im Winter Minusgra­de, aber als Durchsichtige brauchte sie nur wenig Platz. Ihre Gestalt verschwand hinter Wänden aus dicken Büchern, hinter dicht bedruckten, dünnseitigen Wälzern.

maria und ich lernen uns an einem wolkenverhangenen sonntag kennen, den wir in verschiedenen stadien von rastlosigkeit zubringen. es ist dunkel geworden, nur ein eiförmiger mond lässt unsere häute leuchten, als wir uns am ufer des flusses vor meiner wohnung ausziehen. nackt springen wir in die dunklen wasser, waschen unsere wut ab und setzen uns vor den randlosen spiegel in meine kahle wohnung. wir zünden kerzen an, die schatten auf unsere körper werfen. neben unsere nasen, unter unsere brüste, um unsere augen, dass unsere schädel zu denen von totenkopfäffchen werden. wir suchen ähnlichkeiten, arbeiten uns aneinander ab und zeigen uns unsere makel.

wir beide haben schädel und schultern und bäuche und beine. wir haben dunkle schamhaare auf heller haut. wir legen die hände aneinander. Ihre finger überragen meine, meine mittelhand die ihre. zwischen ring- und mittelfinger meiner linken wächst ein winziges geschwulst. unter dem splitternden lack prangen weiße flecken auf marias nägeln. drei pickel wölben sich auf meinen brüsten. marias rechte brustwarze kehrt sich nach innen.

im spiegel treffen sich unsere blicke.

ich hasse es, dass ich meine rippen zählen kann, sagt sie. ich hasse es, dass die kerzen schatten zwischen die speckfalten auf meinem bauch werfen, sage ich. früher wollte ich das japanische gemüsemesser nehmen und das fleisch von meinen knochen schneiden.

wir haben die gewaltfrage falsch verstanden, sagt maria. mit goldfarbe zieht sie sich die lippen nach, dass sie leuchten

Den Mund zu einem Strich geformt saß Maria in der ersten Veran­staltung der Woche zwischen Menschen, mit denen sie noch nie gesprochen hatte, zwischen aufgeklappten Laptops und an Federmäppchen gelehnte Smartphones, auf denen unauffällig getippt wurde. Ein Windzug aus dem gekippten Fenster kühlte ihren Nacken. Sie lauschte den Worten des Dozenten, dem Klackern der Tastaturen und den tiefen Stimmen ihrer Kommilitonen, während ein Fineliner in ihrer beringten Hand Strichlisten für jede Wortmeldung führte:

M: ||||||||||| F: |||

Als sie die Hand hob, zitterten ihre Finger. Der Dozent nickte in ihre Richtung. Bis er sie aufrief, hatte die Diskussion sich einem anderen Thema zugewandt.

weißt du, wegen der gewaltfrage habe ich dieses projekt überhaupt angefangen, sage ich zu maria und schaue sie im spiegel an. sie zieht die augenbrauen hoch und tippt mit dem zeigefinger gegen die spiegelscheibe. unsere reflexionen zerspringen in feine linien. dem spinnwebnetz entnehmen wir die scherben und kleben sie an die wände. ein kaleidoskop unserer körperteile, ein goldgerahmter amorbogen, eine halbe augenbraue, ein krebsgefährdender leberfleck.

Wir tragen Verantwortung für unsere Körper, sagte ihre Mutter, während sie sich vor dem Badezimmerspiegel die Härchen auf dem Nasenrücken auszupfte. Die Lüftung brummte, Maria nickte mit großen Augen und schlang sich eine Federboa um den Leib.

Mein kleiner Paradiesvogel, sagte die Mutter.

später sitzen wir am küchentisch und wollen entscheidungen treffen. wir sind in die hemden unserer exfreunde geschlüpft, haben die übergroßen schöße in die bünde eng gegürteter marlenehosen gestopft und vor den scherben des spiegels krawattenbinden geübt. mit blank poliertem leder an den füßen trinken wir whisky.

und?, fragt maria nach einer weile.

was?, frage ich.

fühlst du dich nun weniger bewertet?

ich rücke meine krawatte zurecht und zucke die achseln.

mir ist aufgefallen, dass es ganz schön viel um meine normschönheit geht, sagt maria. dauernd eigentlich. wenn du diesen text also wirklich schreibst, wünsche ich mir, dass du das wort körper streichst.

wer bist du eigentlich, hier forderungen zu stellen, frage ich. ist dir nicht klar, in welcher position du dich befindest?

maria zuckt die achseln. ich sitze die meiste zeit im hörsaal und stehe im zentrum eines texts, der körperfragen behandelt, sagt sie. das kann die welt nicht mehr gebrauchen. es ist zeit für texte über frauen mit einem volumen, das hallen füllt, mit stimmen, die so dröhnen, dass wir uns die ohren zuhalten müssen.

aber, beginne ich und nippe an meinem glas, mit einem körper, der raum einnimmt, forderst du raum ein. geht es nicht darum?

Ein paar Tage nach ihrem Einzug verendete ein Vogel auf Marias Fensterbrett, ein Spatz vielleicht, aber so genau sah sie nicht hin. So sehr ekelte es sie vor dem verwesenden Leib und den Insekten, die seine Bauchregion bevölkerten, dass sie ihn nicht entfernte. Erst als der Winter ihn mit Schnee bedeckte, öffnete Maria das Fenster und kickte den Kadaver hinunter in den Hof. Als sie sich hinaus lehnte, konnte sie den kleinen Körper in der weißen Fläche nicht mehr entdecken

Sie wusch sich die Hände, auch die Zwischenräume der Finger, und schrubbte die Nägel mit einer Bürste. Dann schlüpfte sie in Jeans und Bluse und malte ihren Mund nach, überzog die Nägel mit schimmerndem Lack und den Wimpernkranz mit schwarzer Farbe.

Mit geschulterter Tasche verließ sie die Wohnung, drängte in die Bahn und kaufte am Kiosk vor der Universität einen schwarzen Kaffee im Pappbecher. In der letzten Reihe des Seminarraums führte sie Strichlisten mit schwarzem Fineliner, während ihre Kommilitonen über die Gewaltfrage diskutierten.

»Auch das hier könnte Gewalt sein«,

sagte sie laut und ohne die Hand zu heben.

»Arrogante Tussi«,

sagte später jemand im Vorübergehen.

raum einfordern? am arsch, sagt maria und verdreht die augen. das ist viel komplizierter. erstens: für wen forderst du raum ein?

ich zucke die achseln und sage: für weibliche perspektiven.

nope, für perspektiven weißer akademikerinnen, sagt maria.

zweitens: wie forderst du raum ein? mit einer geschichte über frauen, die an ihren körpern zweifeln? das stellt die weiblichen körper nur ein weiteres mal zur debatte. und schreibt die vorstellung fest, frauenkörper seien objekte der betrachtung.

mh, sage ich. aber ich würde argumentieren, dass die befreiung vom wertenden blick zwar wunsch und ziel, doch keinesfalls erreicht ist. im moment reduziert man frauen auf ihre körper und damit einhergehend wertet man ihre sonstigen leistungen ab. und darunter leiden wir.

danke, girl, sagt maria, nimmt eine marlboro aus der schachtel auf dem tisch und zieht die augenbrauen hoch: du kannst also über die leidensgeschichte aller frauen sprechen?

ich räuspere mich, erhasche in einer spiegelscherbe einen blick auf den krawattenknoten vor meinem kehlkopf. schwenke mein whiskyglas.

was glaubst du, warum wir beide uns so ähnlich sind?, frage ich dann. ich gebe ihr feuer, ihre augen glänzen im licht der flamme, die von den scherben an den wänden zurückgeworfen wird. maria lehnt sich zurück, inhaliert tief und schließt die augen.

du, sagt sie, ich glaube, ich habe keine lust, deine weiße mittelschichts­streberin zu sein, die oh-so-doll unter ihrer unterdrückung leidet.

this is a process, schreibe ich auf einen neongelben post-it.

it is a product of its working conditions.

An dem Tag, an dem Marias rot bemalte Lippen unaufgefordert und mit sich überschlagender Stimme einem Kommilitonen ins Wort fielen, nannte jemand auf dem Innenhof der Universität sie eine arrogante Tussi. Sie steckte sich eine Zigarette an und

Abdruck, Destillate 2017, Literaturlabor Wolfenbüttel

Die Lesebürger*innen

Interview mit Dominik Renneke

Lennart: Dominik, du koordinierst die Lese­bürger*innen. Worum geht es da?

Dominik: Die Lesebürger*innen sind ein offener Club für alle, die Spaß an Literatur haben. Es ist kein Vorwissen nötig. Wir lesen gemeinsam die Texte, diskutieren, entwickeln Fragen und begleiten dann in verschiedenen Rollen die Veranstaltung – als Fragensteller*in, als Moderator*in – wir werden sehen was 2019 noch passiert! Literatur entsteht ja erst und immer wieder neu beim Lesenden. Es gibt so viele Lesarten wie Lesende und ebenso viele Formate, die wir zum Thema machen, entwickeln und unseren Spaß an Literatur ausdrücken.

Lennart: Gibt es ein konkretes Ziel?

Dominik: Ziel ist nicht das richtige Wort – es ist vielmehr eine Vorstellung von öffentlicher Literatur, die von der klassischen Wasserglas-Lesung abweicht und die das Pub­likum als maßgeblichen Teil von Literatur begreift. Wir wollen mit den Lesebürger*innen untersuchen inwieweit es eine Poetik des Publikums gibt – und meiner Meinung nach gibt es sie! Wir wollen die Literatur, aber auch andere Künste öffnen und befragen, vor allem zu Themen, die an gesellschaftlicher Relevanz zunehmen.

Lennart: Wie ist die Resonanz auf dieses Angebot? Wie viele Lesebürger*innen sind es?

Dominik: Die Resonanz ist groß in Münster, aber auch im Münsterland! Viele sprechen immer davon, dass sie solche ­Literatur-Clubs vermissen und jetzt glücklich sind, auch ungewöhnliche Formate wie z. B. den Klangcomic Wendy Pferd Tod Mexiko zu sehen und zu durchdenken. Im Verteiler sind etwa 50 Lesebürger*innen, die Talks finden mit drei bis vier Lesbürger*innen statt – aber auch hier: Es gibt keine Grenze, alle sind ­willkommen!

Lennart: Worum wird es beim nächsten Talk gehen und wann findet er statt?

Dominik: Wir stecken mitten in der Vorbereitungsphase für den Auftakt der Lesebürger*innen im Jahr 2019. Im März findet im Rüschhaus The Future of Remembering – eine Audio- und Videoinstallation – statt. Am 13. März diskutieren die Lesebürger*innen mit Katarina Agathos, Malte Thießen und Michaela Mélian über drei Projekte, die Tondokumente aus der NS-Zeit archivieren.

Lennart: Wie geht ihr dann genau vor?

Dominik: Zuerst lesen wir gemeinsam einzelne Passagen und diskutieren im Anschluss ganz offen über Eindrücke, ohne die konkrete Gesprächssituation mit den Autor*innen im Kopf zu haben. Das ergibt sich meistens automatisch. Warum hat Saša Stanišić bloß dieses Wir für sein Vor dem Fest gewählt? – Ja, fragen wir ihn doch einfach. Es geht keinesfalls um eine literaturwissenschaftliche Diskussion, es soll vielmehr ein intuitives Fragen, Anmerken, Greifen, aber auch möglicherweise Angreifen der Texte sein.

Lennart: Ich danke dir für das Gespräch.

Lichtenbergs Lichtschalter

von Pascal Richmann

Eine Kolumne zur Wirklichkeit

Die Kolumne gibt es im Magazin zu lesen!

Wie man herausfindet worum es sich handelt

von Monika Rinck

Ich habe etwas angebaut und weiß nicht was es ist ist es real ist es die reine Ideologie ist es beides wie das meiste und kommt es nun zu mir zurück via Verschiebung Verdichtung Aussaat und Ernte die Werkmeister der ewige Kreisel und hat es einen Namen eine Verwechslersorte einen bevorzugten Monat eine Dürrephase eine Frist oder sinnbildliche Faust in der Tasche in der es abgekühlt oder aufgewärmt werden muss hat es Fressfeinde und in Gesellschaft welcher Aussaaten gedeiht es sehr gut braucht es Phosphor soll ich es mit Netzen bedecken ich müsste es einem Bauern vorlegen einer Bäuerin zeigen einem Labor zusenden auf dem Tresen einer Apotheke ausbreiten mit Erde an den Pfoten in die Notaufnahme bringen es versuchen auf dem Farmer’s Market Santa Monica Los Angeles Arizona Ecke Second zu verkaufen zu den Hamstern oder Häschen in den Käfig legen es in der Luft zerreißen es im Feuilleton besprechen und im Taxi liegen lassen und es später der Hotline haarklein beschreiben es einpflanzen es ausgraben es im Gemüseregal des Whole Food Supermarkets beim Babybrokkoli platzieren eine Gewebeprobe entnehmen und einsenden es mitnehmen in den Zoo es der Floristin zeigen es auf den Scanner legen und die Datei an Fleurop schicken es der Drogenfahndung melden es einem Allergiker ins Essen mischen es in einer Plastiktüte im Botanischen Museum an der Garderobe abgeben und nicht mehr abholen kommen in der S-Bahn vergessen im ice Richtung Interlaken über die Schweizer Grenze bringen es auf dem Cafe-Automaten im Keller des großen Tropenhauses liegen lassen es an das Landwirtschaftsministerium schicken ver­suchen damit in die usa einzureisen es den Geckos vorzulegen es trocknen rebeln rauchen es einweichen es aufbrühen einem Heilbad zusetzen es jemanden in die Haare flechten es mit in die Sauna nehmen auf den Kompost werfen es umtanzen damit ein spukhaftes Zimmer ausräuchern es in der Manteltasche vergessen es zwischen zwei Seiten des Wahrig legens und ihn der Stadtbücherei zurückgeben es in einem Wasserglas Wurzeln ziehen lassen die Tiere im Topanga Wildpark damit füttern ein fremdes Habitat mit ihm besiedeln es rund um den Pool aussäen ein Leibchen daraus knüpfen es in Flammen setzen einen Motor damit betreiben es mit Erde bedecken es der Erde entnehmen daran lecken es unter den Verband auf die Wunde legen auf die Schienen legen es im Knopfloch tragen es an den Hut stecken es einem erlegten Reh auf die Zunge legen eine Platte Aufschnitt damit dekorieren einen tiefen Ausschnitt damit dekorieren es in einer Kapsel aufbewahren davon träumen davon erwachen es studieren darüber ermüden und stundenlang wachliegen es zu den Setzlingen setzen seine etymologischen Wurzeln freilegen es dem Pudel zeigen lassen die Gärtner des Nachbarn danach fragen mit Ann darüber sprechen es der Witterung aussetzen es nach unten verjüngen in dünne Scheiben schneiden es plastinieren und dann in dünne Scheiben schneiden es einen langen Tag sich selber überlassen es einer hochprozentigen Tinktur beigeben es im Wald vergraben es wegfegen es erneut aussäen den Vögeln damit winken es vergessen sich erinnern es vergessen sich erinnern es notieren es zersetzen es gentechnologisch in seine Einzelteile es als einen Fächer es zerfasern es technisch beschreiben es in das Omelett schneiden es in die Zentrifuge schnallen es auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigen es in die Jauchegrube geben es lange nachdenklich betrachten keinen einzigen Gedanken fassen es für einen Träger halten es einer Brücke unterjubeln es fallen lassen und sich danach bücken

Bombenkrater

von Henning Rogge


test

#66 (Mascheroder Holz)


test

#83 (Beerenbruch)

Schließt das Fenster

von Paula-Marie Schillo


»Die Augen sind das Fenster zur Seele«, antworte ich auf deine Frage, warum ich weiß, was du tust, schon bevor du es tust. Weil du es immer tust.

»Die Augen sind das Fenster zur Seele«, antwortest du, als ich wissen will, wie du vorher wissen kannst, dass ich diesmal nicht tue, was ich immer getan habe.

Die Augen sind das Fenster zu gar nichts. Bei dir genauso wenig wie bei mir. Du ahnst meine Zukunft, weil du meine Vergangenheit kennst. Dazwischen klemmen wir fest, in diesem undefinierbaren Etwas, das schon vorbei ist, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.

Und zwischen uns nur Stille. Tagelange Stille in unendlich vielen Momenten. Auch dann noch, als ich meine Tasche packe und zum ersten Mal etwas tue, was du nicht vorhergesehen hast.

Abdruck, Destillate 2017, Literaturlabor Wolfenbüttel

maria

Atmende Städte – Fühlende Häuser

von Felix Stephan

Illustration von Maria Knaub

Architekten und Designer erproben, wie sich unser Umfeld verändern muss, um unseren Bedürfnissen zu entsprechen. Ihre Entwürfe sollen das Leben nachhaltiger gestalten.

Als der vielfach ausgezeichnete spanische Architekt Enric ­Ruiz-Geli 2012 in der Berliner Akademie der Künste über die Gebäude der Zukunft sprach, begann er mit einer Selbstbezichtigung. In der Zeit steigender Meeresspiegel müssten die Architekten zuallererst auf sich selbst blicken, sagte er, schließlich gingen etwa 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes auf Gebäude zurück. Für die Designer des zeitgenössischen Bauens könne das nur bedeuten, dass sie sich mit einer einfachen Einsicht auseinanderzusetzen hätten und die lautet:

»Wir sind das Problem.«

Das Projekt Natural Fuse, das 2009 auf der New Yorker Ausstellung ­Toward a Sentient City vorgestellt wurde, veranschaulicht die Herausfor- derungen, vor denen die Architekten heute stehen: In zahlreichen Wohnungen auf dem ganzen Globus stehen kleine Lampen, die an Zimmerpflanzen angeschlossen sind. Die Lampen leuchten nur so lange, wie die Pflanze den CO2-Verbrauch, den die Stromproduktion kostet, absorbieren kann. Lässt man sie länger brennen, ergießt sich automatisch Essig über die Pflanze, die dann zwangsläufig stirbt.

Allerdings ist es nicht die eigene Pflanze, die der eigenen Maßlosigkeit zum Opfer fällt: Die Anlagen sind untereinander vernetzt, so dass beispielsweise in London eine Pflanze eingeht, wenn in Sidney zu lange das Licht brennt. Was hier wie ein leicht elitärer Erste-Welt-Witz wirkt, verweist auf eine gern verdrängte Realität: Unsere Zivilisation baut bis heute Ressourcen ab, die endlich sind. Und die internationale Bauwirtschaft verantwortet den Bärenanteil.

Unbestritten ist deshalb, dass die Gebäude der Zukunft ­radikal weniger Energie verbrauchen müssen, wenn die Ziele, die im Kyoto-­Protokoll und seinen Folgeverträgen formuliert wurden, wenigstens ansatzweise erreicht werden sollen. Mit einer besseren Wärmedämmung ist es dabei nicht getan. Dass das Bauen der Zukunft von Grund auf neu gedacht werden muss, zeigt das Buch Digital Utopia, das das Architekturbüro Plan A und die Berliner Akademie der Künste jetzt veröffentlicht haben. Atmende Materialien, Fassaden, die auf die Sonne reagieren, Räume, die ihr eigenes Klimasystem erzeugen – der Paradigmenwechsel, der sich gerade vollzieht, könnte tiefgreifender kaum sein.

So wird etwa unsere traditionelle Vorstellung, dass unsere Häuser schützende Bollwerke gegen die äußere Natur sind, gerade von einem architektonischen Entwurf abgelöst, in dem sich die Gebäude an ihr Umfeld anpassen. Geht es nach den zeitgenössischen Architekturvisionären, werden unsere Häuser bald keine statischen Gebilde mehr sein, sondern adaptive Systeme.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt Ruiz-Geli selbst: Sein Büro Cloud 9 hat 2010 in Barcelona das Media Tic-Haus gebaut, das im vergangenen Jahr auf dem World Architecture Festival als bestes Gebäude des Jahres ausgezeichnet wurde. Den wichtigsten Unterschied zu traditionellen Bauweisen sieht man dort gleich von außen: Media Tic kommt ohne klassische Fassade aus. Die Mauern aus Beton oder Glas wurden hier durch ballonartige Kissen ersetzt, wie man sie hierzulande vielleicht von der Allianz Arena in München, der Heimstätte des FC Bayern München, kennt.

Bei Enric Ruiz-Geli sind die Kissen allerdings keine reinen Schmuckelemente, die bei Bedarf ihre Farbe ändern können, sondern haben eine konkrete Funktion: Sobald es in dem Gebäude zu warm wird, füllen sich die Kissen mit einem opaken Stickstoffgemisch – die Sonne bleibt draußen, die Räume werden verschattet. Fällt die Temperatur, löst sich das Gemisch wieder auf. Indem die Fassade selbstständig auf die Umwelt reagiert, funktioniert sie gleichzeitig als Heizung und Klimaanlage des Gebäudes. 20 Prozent des Energiebedarfs werden auf diese Weise eingespart. Ließen sich mehr Baumeister von dieser Technik inspirieren, Kyoto wäre ein Kinderspiel.

Nachhaltiges Bauen wird die Natur in Zukunft nicht mehr als Gegner begreifen, sondern als Vorbild. Die Architektur, so kann man vielleicht sagen, wird biologisiert. Häuser nehmen die Form von Körperzellen an, Wände werden aus Materialien hergestellt, die sich selbst reproduzieren.

»Die Prognosen der meisten Zukunftsforscher stimmen darin überein, dass die Physik durch die Biologie als Leitwissenschaft abgelöst werden wird«,

schreibt die Architekturtheoretikerin Nadin Heinich in Digital Utopia,

»aus der Gentechnik hat sich inzwischen die synthetische Biologie entwickelt, bei der nicht mehr nur einzelne Gene zwischen zwei Organismen transferiert, sondern in Zukunft komplette künstliche biologische System erzeugt werden sollen, die so bisher in der Natur nicht vorkommen.«

Die öffentliche Debatte um die ethische Dimension dieser Art künstlichen Lebens befindet sich noch in ihrer frühesten Phase, als Produktionsweise für nachhaltige Materialien ist die synthetische Biologie indes sehr verheißungsvoll: In Zusammenarbeit mit dem Medizin-Nobelpreisträger John Sulston experimentiert etwa die Londoner Textilgestalterin Carole Collet mit biologischen Materialien, die eines Tages von genetisch veränderten Pflanzen produziert werden könnten. Perspektivisch könnten wir die Materialien für unsere Inneneinrichtung wie Früchte ernten, anstatt dafür Wälder zu roden.

Noch ist der Großteil der Entwürfe, die in Digital Utopia vorgestellt werden, von ihrer Realisierung ein gutes Stück entfernt, was vor allem daran liegt, dass Architekten wie Designer bis heute von den Aufträgen eher konservativer Branchen abhängen, die Nachhaltigkeit oft eher als Slogan, denn als Auftrag verstehen. Auf dem internationalen Design-Kongress Typo Talks, der kürzlich in Berlin Station gemacht hat, rief der Design-Professor Michael B. Hardt, deswegen dazu auf, dass sich Designer nicht mehr länger nur als reine Dienstleister verstehen sollten, sondern die Planung von Produkten selbst in die Hand nehmen und eher Gesamtlösungen an die Unternehmen verkaufen sollten, als wie bisher einfach fertige Produkte mit schönen Kurven zu versehen. Ähnliches gilt auch für die Architekten. Damit ihre Visionen allerdings in die Tat umgesetzt werden, müssen sie auch in Zukunft vor allem wirtschaftlich sein. Auch dafür wurde Media Tic ausgezeichnet: Obwohl es auf vielen Ebenen zukunftsweisend ist, ist es beim Bau mit einem marktüblichen Budget ausgekommen.

Der Text erschien bei ZeitOnline

ZeitOnline

Abendteuer /
Adventure

von Florian Wacker


1996 war das Jahr, in dem für mich die Literatur digital wurde. Drei entscheidende Ereignisse führten damals dazu, dass ich heute Text und Code schreibe: 1996 bekam ich meinen ersten Computer, einen Pentium-Prozessor-Rechner mit Windows 95; 1996 installierte ich auf diesem Rechner das Textverarbeitungsprogramm Word 95; und 1996 lieh ich mir in der Stadtbücherei die zerlesene Ausgabe des Buches basic aus, eine Einführung in die gleichnamige Programmiersprache.

PRINT »Hello World!«

Den vollständigen Text gibt es im Magazin.

Seestadt

von Amadeus Waldner

Eine Beobachtung

Weitere Bilder aus der Seestadt gibt es im Magazin zu sehen.

www.amadeuswaldner.com

Wenzel Style

von Olivia Wenzel

ich habe seit kurzem einen kreis. lese-kreis zu sagen, widerstrebt mir; das klingt muffig und nach club der toten dichter.

außerdem besprechen wir auch musik, kunst, filme, serien, akademische theorien – dinge, die uns begeistern, anregen, über die wir gemeinsam nachdenken wollen. wir sind bisher fünf bis sieben personen aus unterschiedlichen disziplinen und in ähnlichem alter, treffen uns circa einmal im monat. niemand in unserem kreis – bisher nenne leider nur ich uns geheimnistuerisch DER KREIS – ist weiß. das tut überraschend gut.

vor zwei jahren ging ich mal zu einer tankstelle, die meinem damaligen atelier im ddr-funkhaus gegenüber lag. ich wollte mir für die nächtliche arbeitspause einen snack kaufen. am nachtschalter starrte mich plötzlich ein tankwart intensiv durch die glasscheibe an, mit mahlendem unterkiefer und roten flecken am hals. er sagte, dass es die crunchips african style, die ich haben wollte, hier nicht gäbe. ich sagte, dass ich die aber von draußen im regal liegen sähe, er presste hervor:

»nein.«

der tankwart weigerte sich, mich zu bedienen, starrte mich immer weiter an, rote flecken mittlerweile auch im gesicht. plötzlich kam ein anderer weißer mann dazu, stellte sich neben mich und fragte, was los sei. daraufhin holte der tankwart wortlos die chips. ehe er sie durch den spalt des nachtschalters schob – er schaute mich jetzt gar nicht mehr an -, schrieb er mit einem edding eine »1« und eine »8« oben rechts auf die tüte. ein paar minuten später, zurück in meinem atelier, begriff ich, dass er die initialen von adolf hitler in altbekanntem nazicode auf meinen mitternachtssnack gemalt hatte.

solche sachen würde ich DEM KREIS nicht erzählen. wir alle haben grausame, absurde und lächerliche geschichten dieser art erlebt, erleben sie weiterhin, wahrscheinlich bis an unser lebensende. trotzdem (oder gerade deswegen?) haben wir lust, sie zu überwinden, weiter und tiefer zu denken, nicht permanent zurück, nicht permanent in den schmerz rein.

z.b. so: kürzlich habe ich das erste mal eine kitschige romcom gesehen, in der die protagonistin schwarz und es an keiner stelle ein thema war – toll. oder so: kürzlich bin ich durch eine freundin auf fotos von delphine diallo gestoßen und war ganz angetan. oder so: kürzlich habe ich angefangen, bell hooks’ buch all about love zu lesen und es fühlte sich warm an. positiver input, meistens aus übersee, ist wichtig – für meine künstlerische und meine soziale praxis. humor hilft, netzwerke helfen, den arbeitsplatz von lichtenberg nach schöneberg zu verlegen, hilft. und in naher zukunft: mentorin sein, etwas weitergeben, zuhören.

trotz meinem wunsch, mich nicht ständig mit rassismus zu befassen (oder gerade deswegen?) tauchen im buch, an dem ich jetzt schreibe, zunehmend geschichten wie die vom hasserfüllten tankwart auf. letztens habe ich auf einer lesung ausschnitte daraus gelesen – allerdings nicht die story um die crunchips, sondern texte, in denen das äußere einer asiatischstämmigen figur beschrieben wurde. bei der vorbereitung der lesung stellte ich mir einmal vor, diese ausschnitte mit DEM KREIS zu besprechen. sofort veränderte sich mein blick auf die texte. ich ertappte zwei stellen beim unbedarften verwenden rassifizierender zuschreibungen, kürzte sie verschämt, formulierte um.

perfide: ein unsichtbarer lehrer hat mir jahrelang dinge eingetrichtert, die sich nur mit anstrengung greifen und wieder verlernen lassen. wenn ich schreibe, schreibt er schöpferisch mit. ich bin nicht davor gefeit, etwas zu reproduzieren (und damit zu repräsentieren), das ich unter keinen umständen repräsentieren will.

ein weißer freund warf einem meiner texte kürzlich ideologisch verblendete subjektivität vor. er kritisierte, dass ich die nazis eindimensional dargestellt hätte, ohne einfühlung. mein freund hat(te) recht. ich schreibe nah an meinen erfahrungen und den erfahrungen von leuten aus meinem umfeld. zur zeit sprechen meine texte in erster linie von und für menschen mit verwandten diskriminierungserfahrungen, menschen, die sich mit ähnlichen turbulenzen rings um ihre identitäten konfrontiert sehen – meinesgleichen also. klar bin ich da parteiisch, und klar will ich vielen, bisher vom mainstream ungehörten stimmen eine stimme geben und sein. gleichzeitig ist einiges von dem, was ich zu sagen habe, für nicht weiße menschen in deutschland ein alter hut. oder anders: geschichten wie die vom lichtenberger tankwart wollen vor allem eine erfahrung an jene vermitteln, die diese erfahrung nicht kennen. für wen schreibe ich das also tatsächlich auf, mit wem will ich kommunizieren?

wenn nicht weiße autor*innen von rassistischen und sexistischen erlebnissen auf lesereisen und in interviews berichten, wenn sie von unangenehmen labelungen zu pr-zwecken erzählen und vom gefühl, für die trendy diversifizierung des literaturbetriebs benutzt zu werden, könnte ich kotzen. um mich gegen solche situationen zu wappnen, brauche ich strategien. anderthalb jahre bevor mein buch erscheint, lange bevor es überhaupt geschrieben ist, befasse ich mich damit, schlachtpläne zu seiner und damit meiner verteidigung zu ersinnen. denn ich gehe – für den fall, dass es überhaupt einige leute interessiert – selbstverständlich von kommenden, unangemessen persönlichen angriffen, von rassistischen und vor allem unbewusst rassistischen kommentaren aus. das sagt nicht nur etwas über mich und meinen hang zur paranoia, sondern auch über den deutschen literaturbetrieb. der unsichtbare, perfide lehrer hat es dort in allen abteilungen sehr bequem. um ihn sichtbar zu machen und anschließend souverän aufs kleinstmögliche maß zu schrumpfen, muss ich bei mir anfangen. manche meiner internalisierten rassismen kann ich vielleicht allein oder mit DEM KREIS überwinden. manche meiner heiß ersehnten strategien kann ich vielleicht, hoffentlich, zusammen mit DEM KREIS entwickeln; vermutlich ist DER KREIS selbst schon eine strategie.

strategien sind nützlich. gleichzeitig muss ich akzeptieren lernen, dass ich wenig einfluss auf die rezeption meiner arbeit habe. und dass das nicht nur schlecht sein muss. vielleicht finden meine texte letztlich bei der weißen tochter eines lichtenberger nazis viel mehr anklang als bei der schwarzen schülerin, die gerade in augsburg abitur macht und sich energisch in der jungen union engagiert. was wäre dagegen einzuwenden?

fazit?

es gibt den grimmigen tankwart, der absichtlich ein nazi ist – das tut weh. es gibt immer mal wieder sowas wie meinen weißen mitbewohner, der beim frühstück sagt:

»boah, mir fällt grad ein richtig rassistischer witz ein, den erzählʼ ich dir aber lieber nicht, du hast dich da immer so.«

– das tut auch weh, aber anders. und es gibt leute im literaturbetrieb, die schon jetzt ns-vokabular fahrlässig benutzen, um über meine arbeit zu sprechen – richtig eklig. das erste beispiel, der tankwart, ist ein messerstich zwischen die rippen, die anderen beispiele ein paar zu feste nackenklatscher – harmlos anmutend, nicht böse gemeint, trotzdem ätzend.

alle beispiele basieren auf einer alten idee: dem konzept von weißsein als universeller norm. schreibend versuche ich, die akzeptanz dieses konzepts in frage zu stellen.

wie ich das bewerkstellige, was das alles poetologisch für meine prosa bedeutet, finde ich im moment heraus. bisher habe ich überwiegend theaterstücke geschrieben und musik gemacht, komme also vom dialoge schreiben und vom intuitiven, mal melancholischen, mal albernen arbeiten mit sound. ich mag mehrstimmigkeit, montage, rhythmisierung und assoziative dramaturgien. ich mag es, mir und anderen fragen zu stellen, ins skurrile abzudriften, konkrete, mal roughe, mal banale realitäten in miniaturen zu erzählen. außerdem ta-nehisi coates. ende 2016 habe ich ihn zufällig kurz in new york getroffen, danach sein buch between the world and me gelesen. wie er darin reflektion, persönliches erleben und (kultur-)historisches wissen zu kluger, mich peinigender literatur vermengt, hat mich nachhaltig inspiriert.

Erschienen bei Kabeljau & Dorsch auf dem Blog zum Thema »Das« darf man* ja wohl (noch) schreiben müssen?!1, 12.04.2018

Kabeljau & Dorsch

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YOU ARE

von YOU ARE

Assoziative Sprachperformance

YOU ARE wurde live beim Schaustellen!-Festival 2018 auf Burg Hülshoff aufgenommen.